Vorgeschichte – Aufmerksamkeits-Defizit-Störung, Myokardverletzung

Ein junger Mann stellte sich in der Cardiopraxis erstmalig im Alter von 22 Jahren zur kardiologischen Verlaufskontrolle vor. Vorangegangen war 2 Jahre zuvor eine Troponin-positive Myokardverletzung am ehesten als Folge einer Entzündung des Herzmuskels.

Aufgrund einer erheblichen Lernstörung in der Schule war bereits in der Kindheit die Diagnose eines Aufmerksamkeits-Defizit Störung (ADS) gestellt worden. Vom 13. bis zum 15. Lebensjahr hatte er zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit Methylphenidat erhalten. Phasen der Hyperaktivität waren nie aufgetreten.

Erstmalige Vorstellung in der Cardiopraxis – Schlafstörungen, Ekzeme, Vitamin D Mangel

Auch aktuell stellte sich der junge Mann mit den Symptomen Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Antriebsarmut vor. Hinzu kamen Schlafstörungen mit Schlafdefizit vor allen Dingen durch Probleme beim Einschlafen.

Im Herzultraschall zeigte sich echokardiografisch eine normale Pumpfunktion des Herzens. Ruhe-EKG und Belastungs-EKG waren ebenfalls unauffällig.

Die nicht-invasive Kreislaufmessung ergab im Stehen einen deutlich hyperdynamen Kreislauf mit 3,962 l pro min pro m2 Körperoberfläche entsprechend 180% des unteren Grenzwertes (UGW) von 2,2 l pro min pro m2. Hyperdynamer Kreislauf bedeutet, dass das zirkulierende Blutvolumen im Kreislauf besonders hoch ist. Dieser Befund kann Folge (und Ursache) einer Adrenalin-vermittelten Stressreaktion sein, aber auch andere Ursachen, wie z.B. eine Entzündung haben.

In der Annahme einer entzündlichen Ursache der Kreislaufstörung – es zeigten sich mehrere ekzematöse Hautläsionen an Körperstamm sowie an Armen und Beinen – wurde unkonventionell mit einer mittel- hochdosierten Aspirin-Behandlung (1.000 mg/d, 5 Tage pro Woche) begonnen. Eine kurzfristige Vorstellung beim Hautarzt ergab die Diagnose eines atopischen Hautekzems.

Aspirin, Vitamin D – Hautbefund, Kreislauf, Leistungsfähigkeit deutlich gebessert

Bei der 1. Kontrolluntersuchung nach 14 Tagen hatte sich das Befinden des Mannes bereits gebessert. Interessanterweise hatte sich das Schlafverhalten bereits in den ersten Nächten normalisiert, was aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs dem Aspirin zugeschrieben werden kann. Allerdings war der Kreislauf mit 238% des UGW weiter deutlich hyperdynam. Folglich bestand noch eine Stressreaktion.

Die zwischenzeitlich eingegangenen Laborbefunde ergaben einen ausgeprägten Vitamin-D Mangel mit 4 µg/l, entsprechend 13% (!!) des UGW. Darauf erfolgte zusätzlich die Substitution mit Vitamin D mit 40.000 IE pro Woche, Aspirin wurde nach dem oben genannten Schema fortgesetzt.

Zur 2. Kontrolluntersuchung war der Hautbefund nach 6-wöchiger Aspirin und 4-wöchiger Vitamin D Gabe abgeheilt. Wir schreiben diesen therapeutischen Effekt durchaus dem Vitamin D zu, weil in der Literatur Zusammenhänge zwischen der Gabe von Vitamin D bei atopischem Ekzem berichtet werden.

Nach 4-wöchiger Behandlung mit 40.000 IE Vitamin D pro Woche war der Vitamin D-Spiegel mit 48% des UGW zwar noch immer bedeutsam erniedrigt, die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit hatten sich allerdings auch nach Angaben der Mutter eindrucksvoll verbessert. Korrespondierend hatte sich der Kreislauf mit 132% des UGW komplett normalisiert.

Für eine Normalisierung des Vitamin D Spiegels auf 1,54% des UGW waren später bis zu 80.000 IE Vitamin D pro Woche erforderlich.

Genpolymorphismen des Stoffwechsels von Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin – COMT und MAO-A

In Kenntnis der Vordiagnose “Aufmerksamkeits-Defizit-Störung” (ADS) führten wir später eine gezielte Testung auf Genpolymorphismen des Katecholaminstoffwechsels durch. Sie ergab sowohl für das Catechol-O-Methyltransferase-Gen (GG homozygot p. Val/Val = High COMT) als auch für das Gen der Monoaminooxidase A (uVNTR 3,5R/3,5R-Allel = High MAO-A) den indirekten Hinweis auf eine jeweils deutlich erhöhte Genexpression. Damit können wir auch auf eine gesteigerte Aktivität dieser Enzyme schließen.

Praktisch bedeutet dieses, dass genetisch bedingt die Neurotransmitter Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin bei diesem Mann sehr schnell abgebaut werden, so dass ein erhöhtes Risiko für einen Mangel an diesen Aktivitätshormonen besteht. Anders gesagt, es droht im biochemischen Sinn tatsächlich ein “burn out”.

Symptome Aufmerksamkeits-Defizit-Störung – gesteigerter Abbau + verringerte Bildung von Katecholaminen

Der Befund des genetisch verursachten  gesteigerten Abbaus von Aktivitätshormonen erklärt sehr gut, warum dieser Mann seinerzeit auf Methylphenidat und dann später nach Absetzen von Methylphenidat auf Vitamin D therapeutisch so gut angesprochen hat.

Gesteigerter Abbau. Methylphenidat ist ein sog. Dopamin- und Noradrenalin Wiederaufnahmehemmer. Das bedeutet, dass diese beiden Neurotransmitter aus dem vorgeschalteten Nerv einmal freigesetzt nicht wieder in diesen aufgenommen werden. So können Dopamin und Noradrenalin länger stimulierend auf den nachgeschalteten Nerv wirken. Das macht bei einem vermehrten Abbau von Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin, wie in diesem Fall Sinn und kann diesen zum Teil therapeutisch ausgleichen.

Verringerte Bildung. Vitamin D stimuliert über entsprechende Gene die vermehrte Synthese der Tyrosinhydroxylase. Die Tyrosinhydroxylase ist das Schlüsselenzym zur Bildung von L-Dopa aus der Aminosäure Tyrosin. Aus L-Dopa wiederum werden die Neurotransmitter Noradrenalin, Adrenalin und Dopamin gebildet. Vitamin D beeinflußt also direkt die Funktion der Gene, die zur Bildung von Tyrosinhydroxylase und hat folglich eine sog. epigenetische Wirkung.

Zusammengefasst lag folglich bei diesem jungen Mann auch zum Zeitpunkt der Diagnose ADS hochwahrscheinlich eine Kombination aus einer Bildungs- und Abbaustörung für Katecholamine vor. Durch niedriges Vitamin D waren Bildung und Aktivität der Tyrosinhydroxylase reduziert. Der Abbau von Aktivitätshormonen war durch die hohe Aktivität der Catechol-O-Methyltransferase und der Monoaminooxidase A gesteigert. Aktuell hatte bereits die vermehrte Bildung der Tyrosinhydroxylase durch therapeutische Gabe von Vitamin D eine Normalisierung von Befinden und Leistungsfähigkeit zur Folge.

Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitätsstörung (ADS)

Bei diesem jungen Mann können wir ziemlich sicher davon ausgehen, dass die psychischen Auffälligkeiten, die seinerzeit zur Diagnose des ADS geführt hatten mit dem Befund High-MAO-A und High-COMT eine genetische Grundlage hatten. Hierfür spricht das Ansprechen auf die Behandlung mit Methylphenidat und indirekt auch die therapeutische Wirksamkeit von Vitamin D.

Die Literatur zu Genpolymorphismen bei ADS aber auch beim ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) ist noch nicht schlüssig. Wir können aber ziemlich sicher annehmen, dass den klinischen Diagnosen ADS und ADHS verschiedene genetische Varianten des Neurotransmitterstoffwechsels zugrunde liegen. Die Bedeutung des Neurotransmitterstoffwechsel wird hier indirekt auch durch die therapeutische Wirksamkeit von Methylphenidat belegt.

Die Verbesserung von Symptomen der Antriebsarmut durch Gabe von Methylphenidat, einer Substanz, die bei Gesunden ähnlich wirkt wie Kokain, bei ADS ist zunächst plausibel. Ihnen mag es allerdings paradox erscheinen, dass die Gabe von Methylphenidat bei Menschen mit ADHS eine Beruhigung der Hyperaktivität und eine verbesserte Konzentrationsfähigkeit zur Folge hat. Wir können das z.B. durch ein Modell zur neurologisch-vegetativen Balance erklären. Der Ausfall eines obligaten Systems zur Aufrechterhaltung der Balance hat eine Ausgleichsreaktion durch ein sog. fakultatives System zur Folge. Solche Konstellationen sind im Körper typischerweise mit einer Stressreaktion verbunden, die auch mit gesteigerter Aktivität und Konzentrationsstörungen verbunden sein können.

Genetik und Vitamin D – Perspektive bei Aufmerksamkeit-Defizit-Störung (ADS) und Aufmerksamkeit-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS)

Aufgrund dieses Fallberichtes können wir keine abschließende Aussage zu den Ursachen bzw. zur genauen Behandlung von ADS bzw. ADHS machen.

Sicher ist aus unserer Sicht allerdings, dass bei jungen Menschen mit Einschränkungen der Leistungsfähigkeit VOR der Einleitung einer Behandlung mit Methylphenidat mögliche genetische Faktoren des Katecholaminstoffwechsels überprüft werden sollten. Zusätzlich halten wir die Überprüfung des Vitamin D Spiegels gerade bei schnellem körperlichem Wachstum, das ja bis zu 30 cm pro Jahr betragen kann, für erforderlich. Hinzu kommt die Bestimmung und gegebenenfalls die Substitution von Mikronährstoffen, die als Kofaktoren der einzelnen Enzyme besonders relevant sind, wie z.B. Eisen (gerade bei Mädchen mit beginnenden Regelblutungen), Vitamin B6, und Vitamin C. Nur mit einer ausreichenden Menge an Co-Faktoren werden von den entsprechenden Enzymen L-Dopa, Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin optimal gebildet.

Sollte die Entscheidung für eine Behandlung mit Methylphenidat fallen, dann halten wir es für sinnvoll Vitamin D und Kofaktoren des Katecholaminstoffwechsels regelmäßig zu testen. So kann die Dosis an Methylphenidat oder ähnlichen therapeutischen Substanzen möglichst geringgehalten werden. Schließlich können Methylphenidat und verwandte therapeutische Substanzen erhebliche Nebenwirkungen gerade auch im Herz-Kreislaufbereich haben, z.B. Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkte sind berichtet worden.

Grundsätzlich sollten Mikronährstoffe nur orientiert an Laborwerten substituiert werden, so dass Nebenwirkungen vermieden werden, gerade bei Kindern. Eine Absprache mit einer Ärztin bzw. Arzt halten wir für zwingend erforderlich, eine ungezielte Selbstmedikation lehnen wir ab.

Aufmerksamkeits-Defizit-Störung – normale weitere Entwicklung

Übrigens hat sich der junge Mann weiter sehr gut entwickelt. Er besucht uns in der Cardiopraxis regelmäßig und hat mittlerweile eine Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen.

 

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


Sie möchten regelmässig informiert bleiben? Tragen Sie sich hier für unseren Newsletter ein!


Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch

 

Einnahmezeitpunkt von Medikamenten zur Behandlung des Bluthochdrucks

Die meisten Menschen nehmen Herz-Kreislaufmedikamente am Morgen ein. Das geschieht meistens aus medizinischen Gründen. Natürlich ist es einfach auch bequemer und sicherer alle Tabletten auf einmal zu nehmen, denn gerade eine zusätzliche Abendmedikation wird doch gelegentlich vergessen.

Allerdings deuten wissenschaftliche Studien darauf hin, dass wir hier im Hinblick auf den Einnahmezeitpunkt gerade von blutdrucksenkenden Medikamenten umdenken müssen.

Die Kreislaufanpassung von der Nacht zum Tag – eine Herausforderung für Herz und Kreislauf

Die Kreislaufregulation dient der Aufrechterhaltung eines adäquaten Blutdruckes, so dass Ihr Gehirn zu jedem Zeitpunkt ausreichend durchblutet wird – vor allen Dingen auch gegen die Schwerkraft.

In der Nacht entspannen sich Ihre Arterien und Venen und auch der Kreislauf kommt insgesamt zur Ruhe. Daher ist sind Ihr Blutdruck und die Herzfrequenz in der Nacht niedriger als am Tag. Bei der sogenannten Langzeit-Blutdruckmessung bezeichnen wir das als typische Nachtabsenkung. Sie beträgt gegenüber dem Tageswert >10%.

Bedingt durch Ihre genetische Innere Uhr beginnt sich der Kreislauf bereits noch im Schlaf und damit vor dem Erwachen auf die Aktivität in aufrechter Körperposition vorzubereiten. Das können wir sozusagen als „Vorglühen” oder noch besser “Vorspannen” bezeichnen. Das hat den Sinn, dass der spätere Wechsel vom Liegen zum Stehen eine nicht allzu große Belastung für den Kreislauf wird.

Findet dann beim Schritt aus dem Bett der Wechsel von der Horizontallage (Nachtschlaf) zur vertikalen Lage (Stehen, Sitzen) statt, fällt der Blutdruck kurzzeitig plötzlich ab. Der Blutdruckabfall ist in der Regel so ausgeprägt, dass eine Ohnmacht droht. Allerdings merken wir das nicht, weil unser Körper innerhalb von wenigen 100 Millisekunden gegenreguliert. Diese Adrenalin-vermittelte Gegenregulation können wir über den Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz messen.

Gleichzeitig stellt diese Ausgleichsreaktion gerade bei überschießendem Blutdruckanstieg am Morgen eine besonders hohe Kreislaufbelastung dar. Folglich erklären diese Adrenalin-vermittelten Mechanismen auch, warum morgens nach dem Aufstehen, am häufigsten zwischen 9:00 Uhr und 12:00 Uhr Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkte, plötzlicher Herztod und Schlaganfälle auftreten.

Blutdruckmedikamente am Morgen

Die genannten Mechanismen der Kreislaufanpassung sind der Hauptgrund dafür, dass wir bisher die Blutdruckmedikamente am Morgen zuführen. Allerdings nehmen wir die Medikamente typischerweise am Morgen NACH dem Aufstehen ein, meistens erst zum Frühstück. Das heißt, NACHDEM bereits eine erhebliche Adrenalin-vermittelte Aktivierung stattgefunden hat. – Dann kann es schon zu spät sein, denn die Adrenalin-vermittelte Aktivierung ist bereits im vollen Gange.

Was ist Chronopharmakotherapie?

Chronopharmakotherapie bedeutet eine Anpassung der Einnahme von Medikamenten an die Innere Uhr, also an die zirkadianen Rhythmen von Stoffwechselprozessen.

Ein typisches und gut bekanntes Beispiel ist hier die abendliche Einnahme von Statinen zur LDL-Cholesterinsenkung. Das ist sinnvoll, weil die Leber das LDL-Cholesterin, einer der Hauptrisikofaktoren für die Arteriosklerose, in der Nacht bildet. Folglich wird mit der abendlichen im Vergleich zur morgendlichen Einnahme von Statinen der gleiche therapeutische Effekt mit einer geringeren Dosis erzielt. Das hilft  dann auch die Nebenwirkungen von Statinen zu vermeiden.

Renin-Angiotensin-Aldosteron-System – wichtig für die Blutdrucksteuerung

Das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System ist wichtig für die hormonelle Steuerung Ihres Blutdrucks. Renin wird in der Niere gebildet und bewirkt dann in Ihrem Körper über verschiedene Schritte die Bildung von  Angiotensin II. Angiotensin II bewirkt eine Engstellung der Blutgefäße und damit einen Anstieg des Blutdrucks. Darüber hinaus verursacht Renin so auch indirekt, dass in den Nebennieren Aldosteron freigesetzt wird, was Flüssigkeit im Körper hält und so ebenfalls zur Aufrechterhaltung des Blutdrucks beiträgt.

Das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System ist einer der Hauptangriffspunkte, um einen erhöhten Blutdruck medikamentös zu senken. Hierfür setzen wir verschiedene Medikamente ein:

  • ACE-Hemmer, z.B. Ramipril
  • AT-Blocker, z.B. Valsartan, Olmesartan, Telmisartan
  • Reninblocker, z.B. Aliskiren
  • Aldosteron-Anatagonisten, z.B. Spironolacton, Epleneron

Das Besondere am Renin-Angiotensin-Aldosteron System ist, dass Renin in der Niere bereits in der Nacht vermehrt gebildet wird. Folglich steigen auch die abhängigen kreislaufaktiven Hormone, wie z.B. Aldosteron vor dem Erwachen an. Es ist das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System, das die so wichtige Vorspannung des Blutgefäßsystems im Sinne des „Vorglühens” VOR dem Aufstehen bewirkt. Wie beschrieben, würde das nicht passieren, dann hätten Sie beim Aufstehen erhebliche Kreislaufprobleme mit Benommenheit bis hin zur Ohnmacht.

Als Folge der genetischen Steuerung durch die Innere Uhr bleibt diese zirkardiane Rhythmik übrigens auch dann bestehen, wenn Sie über mehrere Tage im Bett liegen bleiben.

Hygia Chronotherapy Trial – Blutdrucksenker-Einnahme am Morgen vs. zur Nacht

Die Studie Hygia Chronotherapy Trial hatte sich zum Ziel gesetzt zu untersuchen: Hat eine Einnahme aller Blutdruckmedikamente zur Naht einen Vorteil gegenüber der morgendlichen Einnahme unmittelbar beim Aufstehen? Hierfür wurden 19.094 Patienten mit Bluthochdruck einbezogen, die mehr als ein Blutdruckmedikament einnahmen. Das Alter betrug 60,5 +/-13,7 Jahre.

Die Studienteilnehmer waren angewiesen die Medikamente auf ihrem Nachttisch zu platzieren. So nahmen 50% der Menschen die Medikation am Morgen unmittelbar mit dem Aufstehen ein;  50% nahmen die Blutdrucksenker am Abend unmittelbar vor dem Schlaf ein. Das Nachbeobachtungsintervall betrug im Median 6,3 Jahre.

Hygia Chronotherapy Trial – Eingriff in das Renin-Angiotensinsystem der häufigste medikamentöse Therapieansatz

Die Studienteilnehmer erhielten Blutdrucksenker mit einem Angriffspunkt im Renin-Angiotensin-System zu 78,4% am Morgen bzw. 76,5% am Abend. Ca.  2 von 3 Menschen in beiden Gruppen nahmen einen AT-Blocker, die übrigen einen ACE-Hemmer.

Einen sog. Kalziumantagonisten, einschließlich Verapamil, erhielten 22,0 beziehungsweise 17,5% der Patienten. Einen Betablocker nahmen lediglich 22,0 bzw. 17,5% der Menschen mit Bluthochdruck ein. Eine harntreibende Medikation mit einem Diuretikum wurde wesentlich häufiger, d.h. in 46,5 bzw. 39,5% der Fälle, gegeben.

Blutdruckmedikamente am Abend – bessere Bluteinstellung am Tag und in der Nacht

Die Einnahme von Blutdrucksenkern zur Nacht ergab im Hygia Chronotherapy Trial eine statistisch bedeutsame verbesserte Blutdruckeinstellung in der 48h-Stunden-Blutdruckmessung. Dieser Effekt war in der Nacht am deutlichsten. Wichtig ist hier hervorzuheben, dass die Werte am Tag sich nicht verschlechterten.

In der 48h-Langzeitblutdruckmessung wiesen in der Ausgangsuntersuchung 49,0 in der Morgen- und 49,3% in der Abendgruppe eine fehlende Nachtabsenkung des Blutdrucks gegenüber den Tageswerten von <10% auf. Während dieser Anteil in der Gruppe mit morgendlicher Behandlung auf 50,3% leicht anstieg, fiel er bei den Menschen mit abendlicher Einnahme deutlich auf 37,5% ab.

Das bedeutet, dass bei Menschen mit fehlender Nachtabsenkung durch die Zufuhr der Medikation zur Nacht bei 23,9%  Blutdruckprofil normalisiert werden konnte. Das lässt auch den Schluss zu, dass in Anbetracht eines Konditionierungseffektes durch niedrige Blutdruckwerte in der Nacht wahrscheinlich auch die Dosis der Blutdrucksenker insgesamt reduziert werden kann.

Blutdruckmedikamente zur Nacht – weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und geringere Sterblichkeit

Während frühere wissenschaftlichen Untersuchungen bereits eine verbesserte Blutdruckeinstellung durch die abendliche Gabe von Medikamenten gezeigt hatten, beinhaltete der Hygia Chronotherapy Trial erstmalig auch eine aussagekräftige sog. klinische Endpunktanalyse.

Der Hygia Chronotherapy Trial demonstrierte hier eine eindrucksvolle Risikoreduktion für kardiovaskuläre Ereignisse durch die abendliche Blutdruckmedikation. Die Gesamtsterblichkeit war gegenüber der Gruppe, die ihre Medikamente nur am Morgen eingenommen hatte, um eindrucksvolle 45% und die kardiovaskuläre Sterblichkeit um 66% verringert. Dabei traten auch deutlich weniger Herzinfarkte, Episoden der Herzschwäche, Schlaganfälle und Hirnblutungen auf.

Welche Blutdruckmedikamente wann einnehmen?

ACE-Hemmer, Angiotensin-Blocker, Reninblocker. Insbesondere diese Medikamente sollten Sie eher zur Nacht einnehmen. So wird das Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems in der Nacht ganz im Sinne Ihrer Inneren Uhr gezielt blockiert. Folglich muss man erwarten, dass dieser Umstand gerade die morgendliche Blutdruckeinstellung verbessert. Möglicherweise kann man auch die Dosis verringern, sodass sich auch Nebenwirkungen vermeiden lassen.

Betablocker. Bei Betablockern, z.B. Metoprolol und Bisoprolol, sollten aus unserer Sicht eine sorgfältige Abwägung erfolgen. Auf der einen Seite ist es so, dass Beta-Blocker die Blockierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems unterstützen. Auch wird ihr häufig beruhigender Effekt  gerade am Abend von vielen Menschen geschätzt. Auf der anderen Seite können Beta-Blocker einen kritischen Abfall der Herzfrequenz in der Nacht verursachen. Die  Einnahme am Abend birgt auch das Risiko der Schlafstörungen in sich. Betablocker können die Melatoninfreisetzung beeinträchtigen und somit auch das Schlafverhalten.

Diuretika. Als bekannte Beispiele sind hier zu nennen Torasemid und Hygroton. Auch diese sollten Sie eher am Morgen bzw. am Nachmittag einnehmen. Gerade die Einnahme am Abend kann durch nächtliches Wasserlassen ebenfalls den Schlaf stören. Bei den Aldosteron-Antagonisten bietet sich unter chronopharmakologischen Gesichtspunkten eine möglichst späte Einnahme an. Allerdings sollte der Schlaf dadurch nicht gestört sein.

Alpha-Blocker. Alphablocker, z.B. Doxazosin und Tamsulosin, können Sie versuchsweise am Abend einnehmen. Bestimmte Alpha-Blocker haben eine beruhigende Wirkung und können dadurch das Schlafverhalten auch verbessern.

Kalziumantagonisten zur Blutgefäßweitstellung. Hier zu nennen sind Amlodipin und Lercanidipin. Diese empfehlen wir eher am Morgen, da die Einnahme am Abend durch eine zu starke Gefäßerweiterung das Risiko der Schlafstörungen in sich birgt. Eine zu starke Gefäßerweiterung kann eine adrenalinvermittelte Aktivierung in der Nacht bewirken.

Praktisches Vorgehen bei der Einnahme von Blutdruckmedikamenten

Sie müssen nicht sofort Ihre gesamte Medikation ändern. Bei guter Blutdruckeinstellung sollten Sie die Medikation so belassen.

Für die Einnahme zur Nacht, vor allen Dingen von ACE-Hemmern, AT-Blockern bzw. Reninblockern kommen aus unserer Sicht mehrere Gruppen in Frage, die folgende Merkmale aufweisen.

Ersteinstellung mit Blutdruckmedikamenten. Das ist dann besonders sinnvoll und praktisch, wenn abends bereits ein weiteres Medikament, z.B. ein Statin eingenommen werden soll.

Schlechte Blutdruckeinstellung. Menschen mit schlechter Blutdruckeinstellung vor allen Dingen auch am Morgen bzw. solche mit therapieresistentem Bluthochdruck.

Fehlende Nachtabsenkung. Erhöhter bzw. auch normaler Blutdruck am Tag mit einer Nachtabsenkung des Blutdrucks in der 24h-Blutdruckmessung um <10% in der Nacht.

Schlafapnoe-Syndrom. Die nächtlichen Abfälle der Sauerstoffsättigung beim Schlafapnoe-Syndrom haben eine Adrenalin-vermittelte Aktivierung und damit verbunden auch eine Steigerung der Reninfreisetzung zur Folge.

Die Änderung des Einnahmezeitpunktes von Blutdrucksenkern am Abend muss sorgfältig abgewogen werden. Eine Änderung des Einnahmezeitpunktes sollten Sie immer mit Ihrer Ärztin beziehungsweise Ihrem Arzt absprechen.

 

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


Sie möchten regelmässig informiert bleiben? Tragen Sie sich hier für unseren Newsletter ein!


 

Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch

 

Risiko Aneurysma – Antibiotika Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin & Co. – Gyrasehemmer bzw. Fluorchinolone häufig verschrieben

Gyrasehemmer, auch Fluorchinolone genannt, wie z.B. Ciprofloxacin, sind rezeptpflichtige Antibiotika. Man nennt sie Gyrasehemmer, weil sie therapeutisch gewollt bakterielle DNA schädigen und damit ein Absterben der Bakterien bewirken.

Vertreter dieser Antibiotikagruppe werden sehr häufig verwendet, um Infektionen zu behandeln. Beispielsweise eignen sie sich sehr gut zu einer Behandlung von bakteriellen Entzündungen der ableitenden Harnwege, da eine hohe Ausscheidungsrate über die Nieren besteht. Auch Prostata-, Nebenhoden- und bestimmte Formen der Lungenentzündung kann man erfolgreich mit Gyrasehemmern behandeln, weil diese sich sehr stark im Gewebe anreichern können. Ebenso kommen die Antibiotika zur Behandlung von bakteriellen Infekten der oberen Luftwege, wie z.B. einer Nasennebenhöhlen- oder einer Mittelohrentzündung, zum Einsatz.

Neben der unbestritten hohen Wirksamkeit bei den genannten Infektionen haben Gyrasehemmer aber auch Nebenwirkungen. Hier zu nennen sind Schädigungen des Bindegewebes und vor allen Dingen der Wandstruktur der großen Blutgefäße. Dabei ist das Aortenaneurysma mit einem Einriss der Gefäßwand besonders gefürchtet.

Aneurysma und Dissektion der Aorta – hohes Risiko

Ein Aortenaneurysma ist eine Aussackung der Hauptschlagader. Hier besteht das Risiko für einen Einriss und damit für eine lebensbedrohliche Situation. Das Aortenaneurysma kann sowohl im Brustabschnitt, dann thorakales Aortenaneurysma genannt, als auch im Bauchraum, dann als abdominelles Aortenaneurysma bezeichnet, lokalisiert sein.

Meistens ist es der Blutungsschock in Verbindung mit einem Multiorganversagen, der bei einem rupturierten Aneurysma rasch zum Tode führt. Die Sterblichkeit ist auch bei adäquater Behandlung hoch.

Aortenaneurysmen mit und ohne Dissektion treten bei ca. 30 Menschen pro 100.000 Einwohner und Jahr auf.

Akute Symptome eines Aneurysmas bzw. eines Einrisses der Aorta

Bei einem Einriss der Aorta geht alles sehr schnell und heftig. Sie bemerken starke Beschwerden, die sofortiges Handeln erfordern. Zu diesen zählen:

Chronische Symptome eines Aortenaneurysmas

Wenn sich ein Aneurysma langsam entwickelt, dann können chronische Beschwerden auftreten. Diese sind leider nicht immer spezifisch. Zu ihnen zählen:

  • Schluckbeschwerden
  • Druckgefühl
  • pulsierende Masse (Bauch)

Während man Aortenaneurysmen der Bauchaorta leicht und schnell mit dem Ultraschall erfassen kann, ist das bei Veränderungen im Brustbereich schwieriger. Folglich müssen wir hier meistens eine Schnittbilddiagnostik (CT, MRT) einsetzen.

Gyrasehemmer – Antibiotika mit erhöhtem Risiko für ein Aneurysma

Die Einnahme von Gyrasehemmern geht mit einem erhöhten Risiko für ein Aortenaneurysma beziehungsweise einen Einriss der Aorta einher. Zu ihnen zählen:

  • Ciprofloxacin
  • Levofloxacin
  • Moxifloxacin
  • Norfloxacin
  • Ofloxacin

Die Ursache für die Nebenwirkung ist: icht nur die DNA der Bakterien wird durch die Gyrasehemmung geschädigt, sondern auch die DNA von Gelenkknorpeln, Sehnen, Muskeln und Blutgefäßen. So ist zum Beispiel auch das Risiko für eine Achillessehnenruptur durch Fluorchinolone auf das 6-9-fache erhöht.

Das Risiko für ein Aortenaneurysma mit und ohne Dissektion ist durch die Einnahme dieser häufig genommenen Antibiotika ebenfalls deutlich gesteigert. Das gilt sowohl für den aktuellen Zeitraum der Behandlung als auch mittelfristig innerhalb von 60 Tagen nach Einnahme eines Gyrasehemmers. Das Risiko ist so kurz- bis mittelfristig auf das 2,2-2,5-fache erhöht.

Auch eine Einnahme innerhalb des letzten Jahres ist immer noch mit einem gesteigerten Risiko auf 1,2-1,35-fach verbunden. Bei älteren Menschen kommt 1 Fall auf 618 Behandlungen.

Risikopatienten für ein Aneurysma bzw. eine Dissektion durch Gyrasehemmer

Wir können hier sichere und wahrscheinliche Risikofaktoren in Verbindung mit den genannten Antibiotika nennen.
Zu den sicheren Risikofaktoren gehören:

  • Bluthochdruck
  • bekannte Arteriosklerose
  • höheres Alter
  • bekanntes Aortenaneurysma
  • Bindegewebserkrankung (Marfan-Syndrom, Ehlers-Danlos-Syndrom, Riesenzellarteriitis, Takayasu-Arteriitis, Morbus Behcet)

Wahrscheinliche Risikofaktoren, bei denen man auch an die Entwicklung eines Aneurysmas denken sollte, sind:

  • häufige Einnahme von Gyrasehemmern
  • chronische Einnahme von Kortison
  • Symptomen an Gelenken, Muskeln und Sehnen durch Gyrasehemmer

Gyrasehemmer – Selbstmedikation hinterfragen

Besonders riskant ist die Selbstmedikation bei Frauen mit wiederholten Harnwegsinfekten. Entweder sind es in der Hausapotheke eigene Restbestände oder die des Lebenspartners, die Sie zur Selbstmedikation mit Gyrasehemmern verleiten.

Nicht selten sind es Ärztinnen und Ärzte selbst, die Großpackungen von Gyrasehemmern verschreiben: die Betroffenen müssen so bei wiederholten Harnwegsinfekten nicht so häufig zum Arzt gehen. Dieses Verhalten müssen Sie besonders kritisch hinterfragen. Und Ihr Vorgehen bei Antibiotikatherapie immer mit Ihrer Ärztin beziehungsweise Ihrem Arzt unter Berücksichtigung der Risikofaktoren absprechen.

Einnahme von Ciprofloxacin & Co – Sport vermeiden

Wir raten auch während und im unmittelbaren Zeitraum nach der Einnahme von Gyrasehemmern von anstrengenden sportlichen Aktivitäten ab. Somit sollten Sie  allen Dingen Kraftsport meiden. Die mechanische Belastung für Sehnen und Gelenke ist hier erhöht und es besteht das Risiko z.B. für einen Abriss der Achillessehne. Durch eine Steigerung des Blutdrucks wird das Gefäßsystem und damit auch die Hauptschlagader mechanisch belastetet, was die Entstehung eines Aneurysmas bzw. eines Einrisses erhöht.

Vorgehen bei der Antibiotikatherapie mit Gyrasehemmern

Bei Menschen mit sicheren Risikofaktoren für ein Aortenaneurysma raten wir von einer Einnahme von Gyrasehemmern grundsätzlich ab. Folglich sollten Menschen, die Kortison einnehmen und zu einem früheren Zeitpunkt schon einmal Symptome an Gelenken, Muskeln und Sehnen hatten, sollten das Risiko gemeinsam mit dem Arzt sorgfältig abwägen. Die häufige Einnahme von Gyrasehemmern, d.h. mehrmals im Jahr, sollten Sie immer vermeiden.

Sollten Sie akute Symptome eines Aortenaneurysmas haben, dann ist das ein Notfall. Sie müssen dann 112 verständigen und die Symptome und das Antibiotikum angeben.

Falls Sie andere Bindegewebssymptome an Gelenken, Sehnen und Muskeln sowie Symptome eines Aortenaneurysmas nicht akuter Natur haben: Setzen Sie das Antibiotikum ab und nehmen Sie zeitnah mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt Kontakt auf!

 

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


Sie möchten regelmässig informiert bleiben? Tragen Sie sich hier für unseren Newsletter ein!


Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch

 

Histaminintoleranz, Mastzellaktivitätssyndrom, Excercise Induced Anaphylaxis – schwer zu unterscheiden – Fallbericht

Bei den Histamin-vermittelten Erkrankung ist gerade die Abgrenzung zwischen einem Mastzellaktivitätssyndrom und einer Histaminintoleranz schwierig, da einfache und sichere diagnostische Labortests nicht zur Verfügung stehen.

Hier hilft meistens nur eine genaue Analyse der Begleitumstände weiter. Zu diesen zählen die Art der zugeführten Nahrung, der Ablauf der Symptomentwicklung und die Betrachtung weiterer Auslöser, wie z.B. Temperatur und körperliche Aktivität. Meistens wird erst nach Jahren, d.h. nach zahlreichen Episoden ein Muster erkannt, was dann eine diagnostische Zuordnung erlaubt.

Vorgeschichte – Allergie und Nahrungsmittelunverträglichkeit bekannt

Aus der medizinischen Vorgeschichte eines 53-jährigen Mannes ist eine saisonale Allergie (Rhinitis, Konjunktivitis) in der Jugend bekannt. Später zeigte sich dann ein eindeutiger allergischer Zusammenhang nur noch mit der Exposition von Latex, z.B. Latexhandschuhe beim Zahnarzt (Jucken der Mundschleimhaut, Asthma-ähnliche Symptome).

Eine Nahrungsmittelunverträglichkeit wurde erstmalig um das 30. Lebensjahr bemerkt. Die Nahrungsmittelunverträglichkeit war bis dahin noch nicht gut charakterisiert. Das bedeutet vor allen Dingen, dass die auslösenden Nahrungsmittel nicht bekannt waren.

Urlaub bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit 

Gemeinsam mit seiner Frau verbrachte der Mann in einem Januar einen Urlaub im Norden der Dominkanischen Republik nahe der Stelle, wo Kolumbus das erste Mal in Amerika an Land ging. Das Wetter war gut, die Außentemperaturen erreichten am Tag 29 0C und die Luftfeuchtigkeit lag um 95%.

An einem warmen Abend besuchte das Ehepaar unweit des Hotels in ca. 400 m Entfernung ein Restaurant mit einem schönen Ausblick auf das Meer. Der Mann entschied sich für Shrimps mit Cocktailsauce (Ketchup, Meerrettich, Worchester Sauce, Limonensaft, Chili), trinkt 2 trockene Martinis und 2 Gläser Weißwein. Nach angeregten (und guten) Gesprächen verließ das Paar ca. 30 Minuten nach dem letzten Schluck Wein das Lokal in die Dunkelheit.

 

Histamin Symptome durch körperliche Bewegung 

Beim Verlassen des Lokals war noch alles in Ordnung.

Allerdings bemerkte der Mann schon nach ca. 100 m Gehen einen Juckreiz im Ohr. Ein überwältigender Juckreiz war sehr schnell am ganzen Körper zu verspüren. Am deutlichsten waren die Handinnenflächen und die Fußsohlen sowie der Genitalbereich betroffen. Der Ablauf war mit einem sehr starken Unruhegefühl (einschl. Wutausbruch) verbunden. Je weiter der Mann ging, desto schlimmer wurden es.

Nach insgesamt ca. 400 m Gehstrecke erreichte das Ehepaar das Hotel. Die Ehefrau des Mannes war in großer Sorge, weil jetzt bei Licht betrachtet bei ihrem Ehemann auch noch eine entstellende Schwellung des Gesichts sichtbar wurde. Glücklicherweise war seine Luftnot nicht sehr ausgeprägt. Der Schlundbereich war nur leicht geschwollen und die Schluckstörungen gering, so dass Tabletten geschluckt werden konnten.

In der Annahme, dass es sich um Histamin-vermittelte Symptome handelt, gab die Ehefrau ihrem Mann 1 Tablette Lorantadin (H1-Rezeptorblocker). Aufgrund des Hitzegefühls ging Mann unter die Dusche.

Die Unruhe hielt tief bis in die Nacht an und die Ehefrau dachte immer wieder daran ein Krankenhaus aufzusuchen, was aufgrund der abgelegenen Lage des Hotels in einem sehr kleinen Ort logistisch schwierig war.

Am Folgetag waren Unruhe und Juckreiz verschwunden, die Gesichtsschwellung hielt deutlich sichtbar für insgesamt 3 Tage an.

Juckreiz durch Nahrungsmittel – Histaminintoleranz? 

Betrachten wir den Fall nun etwas genauer, dann müssen wir zunächst die Nahrungsmittel analysieren.

Die Cocktailsauce zu den Shrimps enthielt mit Sicherheit Ketchup bzw. Tomatenmark. Beide haben einen mindestens mittel-hohen Gehalt an Histamin und sind darüber hinaus auch sog. Histamin-Liberatoren, d.h. sie begünstigen die Freisetzung von Histamin aus Mastzellen. Meerrettich gilt als unkompliziert, Worchestersauce hingegen hat einen hohen Histamingehalt.

Shrimps frisch gegessen sind meistens kein Problem. Allerdings kann eine Unterbrechung der Kühlkette den Histamingehalt durch Histamin-produzierende Bakterien hier kritisch steigern, und dass gerade bei warmer Umgebungstemperatur.

Und obendrauf ist Alkohol ein sehr starker Diaminooxidasehemmer, d.h. durch Alkohol wird der Abbau von Histamin kritisch gestört.

Aufgrund der Nahrungsmittel muss von einer Histaminintoleranz mit verminderter Diaminooxidaseaktivität, einer genetisch bedingten Abbaustörung von Histamin, ausgegangen werden. Die Kombination von gesteigerte Histaminzufuhr, vermehrter Freisetzung aus Mastzellen (Histaminlibertoren) und einer zusätzlichen Hemmung der Diaminooxidase durch Alkohol ist allein schon ein Grund für die geschilderte Symptomatik.

Das Besondere an diesem Fall ist allerdings, dass die Symptome erst mit einsetzender körperlicher Aktivität, in diesem Fall in Verbindung mit hohen Außentemperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit einsetzten.

Juckreiz durch Gehen – Excercise Induced Anaphylaxis?

Die Verbindung von körperlicher Aktivität und Symptomen des Histaminüberschusses ist als Exercise Induced Anaphylaxis (EIAn) oder Syndrom der Anaphylaxie durch körperliche Aktivität in der wissenschaftlichen Literatur bekannt.

Bei der Excercise Induced Anaphylaxis werden verschiedene Co-Faktoren genannt in der Literatur genannt. Laut diesen Angaben sind Nahrungsmittel in ca. 30% der Fälle ein Begleitumstand. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um solche, die eine Wirkung auf den Histaminstoffwechsel haben.

In ca. 28% der Fälle werden als Belgleitumstand sog. nicht-steroidale Entzündungshemmer genannt. Zu berücksichtigen ist hierbei, dass Aspirin, Indometazin, Diclofenac als Histamin-freisetzende, sog. Histaminliberatoren gelten, im Gegensatz übrigens zu Ibuprofen.

Ein durch Immunglobulin E vermittelter Mechanismus, d.h. eine allergische Reaktion mit einer vermehrten Durchlässigkeit der Darmwände für Histamin wird diskutiert. Insgesamt gelten die Mechanismen der Excercise Induced Anaphylaxis allerdings als unklar.

Die Exercise Induced Anaphylaxis gilt zwar als selten, ist wahrscheinlich, aber doch häufiger als gedacht.  Die Bedeutung der Nahrung wird unserer Meinung nach im Zusammenhang mit der Exercise Induced Anaphylaxis allerdings unterschätzt.

Bei der Ursachensuche fragen Ärztinnen und Ärzte meistens nur nach zeitlich unmittelbaren Zusammenhängen. So zum Beispiel “Was haben Sie an diesem Tag bzw. unmittelbar vor den Symptomen gegessen?”. Zusammenhänge mit der Ernährung an den Vortagen werden fast nie erfragt. Allerdings haben Nahrungsmittel auch noch Tage nach der Einnahme Einfluss auf den Histaminstoffwechsel. So kann sich eine zunehmend labilere Situation aufbauen, die dann durch körperliche Aktivität kippt und Symptomen zur Folge hat.

Darüber hinaus ist die Abhängigkeit von Histaminsymptomen von körperlicher Aktivität kaum bekannt. Viele Menschen sind nach dem Essen körperlich in irgendeiner Form aktiv, nur der Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme, körperlicher Aktivität und Symptomen wird nicht gesehen.

Juckreiz durch Ernährung und erhöhte Körpertemperatur – Mastzellaktivitätssyndrom?!! 

Mastzellen werden durch Wärme aktiviert und setzen dann vermehrt Histamin frei. In diesem Fall haben 4 Faktoren zur Steigerung der Körpertemperatur beigetragen.

Hohe Außentemperatur. Eine hohe Außentemperatur verringert den Gradienten, d.h. den Unterschied zwischen Körpertemperatur und Umgebung. So kann der Körper weniger Wärme durch Abstrahlung abgeben.

Hohe Luftfeuchtigkeit. Die hohe Luftfeuchtigkeit verhindert die Verdunstung von Schweiß auf der Haut. Die Wärmeabgabe durch Schwitzen war somit deutlich gestört.

Körperliche Aktivität. Körperliche Aktivität erhöht durch die Steigerung von Stoffwechselprozessen die Körpertemperatur.

Steigerung Körpertemperatur durch Symptome. Hinzu kommt im Sinne eines selbstverstärkenden Prozesses, dass die körperliche Stressreaktion, welche durch den Juckreiz verursacht wird, ebenfalls zur Steigerung der Körpertemperatur beiträgt.

Folglich trat die Steigerung der Körpertemperatur durch eine Kombination von vermehrter Wärmebildung und kritisch verringerten Möglichkeiten der Wärmeabgabe auf.

Im Übrigen hat berichtete der Betroffene, dass solche Ereignisse auch bei niedrigeren Außentemperaturen 6-12 Mal im Jahr auftreten. Bei niedrigeren Außentemperaturen sind die Symptome allerdings nicht so stark ausgeprägt, was für die Relevanz der Steigerung der Körpertemperatur durch körperliche Aktivität spricht.

Das Mastzellaktivitätssyndrom ist gekennzeichnet durch eine Instabilität von Mastzellen, d.h. bereits bei leichter Reizung setzen die Zellen Histamin frei. Zu diesen Auslösern gehören auch physikaliche Reize wie Druck und eben auch extreme Temperaturen, sei es Kälte oder Hitze. Auch der Sprung ins kalte Wasser an einem heißen Sommertag kann ein Trigger sein.

Aktivitäts-induzierte Anaphylaxie als Symptom des Mastzellaktivitätssyndroms

Grundlage für die die verstärkte Wirkung von Histamin war in diesem Fall ein Nahrungs-vermittelter Überschuss von Histamin im Gewebe. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat eine latente Instabilität von Mastzellen im Sinne eines Mastzellaktivitätssydroms in Verbindung mit einer Steigerung der Körpertemperatur eine zusätzliche Freisetzung von Histamin und damit eine Symptom-begünstigende bzw. verstärkende Wirkung gehabt.

Eine zirkulatorische Bedeutung bei der Exercise Induced Anaphylaxis, d.h. eine Verteilung, z.B. von Histamin aus dem Darm in den Körper durch einen gesteigerten Kreislauf darf nicht außer Acht gelassen werde.

In diesem Kontext verstehen wir die Aktivitäts-induzierte Anaphylaxie als Teil des Mastzellaktivitätssyndroms.

Histaminintoleranz, Mastzellaktivitätssyndrom – Symptomen vorbeugen 

Sollten Sie an einer symptomatischen Histaminerkrankung, vor allen Dingen an einer Histaminintoleranz und/oder ein Mastzellaktivitätssyndrom leiden, dann ist für Sie ratsam gerade bei nicht selbst-zubereitetem Essen bzw. zweifelhafter Lagerung von Lebensmitteln vorsichtig zu sein. Sie können und sollten allerdings nicht jedes Essen außer Haus ausschlagen, nur weil Sie Symptome fürchten.

Achten Sie vor allen Dingen auf die Kombination von Lebensmitteln. So können Sie z.B. sicherlich Shrimps essen, vielleicht sogar mit Cocktailsauce; auf den Alkohol sollten Sie bei einer solchen Mahlzeit allerdings verzichten. Gerade bei einem Essen außer Haus macht es Sinn ca. 30 Minuten vor der Mahlzeit einen Diaminooxidasehemmer in Kapselform, z.B. Daosin (frei verkäuflich) einzunehmen.

Histaminintoleranz, Mastzellaktivitätssyndrom – Symptomen einfach behandeln 

Sollten Sie die Zeichen einer bewegungs- bzw. Körpertemperatur-abhängigen Symptomatik, und damit Hinweise auf ein Mastzellaktivitätssyndrom bestehen, dann ist es ratsam bei Symptombeginn einen kühlen Raum, z.B. mit Klimaanlage aufzusuchen und sobald als möglich die körperliche Aktivität einzustellen. Also, nach dem Essen lieber ruhen, als 1.000 Schritte tun.

Auch eine kühlende Dusche mit handwarmem Wasser kann die Aktivität der Mastzellen und damit auch die Ausschüttung von Histamin verringern. Wichtig ist dabei, dass Sie sich nicht b abtrocknen und das Wasser verdunsten lassen, denn das kühlt am besten. Eine eiskalte Dusche oder gar ein Sprung ins kalte Wasser sollten Sie allerdings auf keinen Fall unternehmen, da auch starke Kälte bzw. ein plötzlicher Wechsel von warm nach kalt die Mastzellen ebenfalls aktivieren kann.

 

 

 

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


Sie möchten regelmässig informiert bleiben? Tragen Sie sich hier für unseren Newsletter ein!


Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch

 

Verdacht auf Histaminintoleranz – Fallbericht 

Histaminerkrankungen, d.h. Allergien, die Histaminintoleranz oder auch das Mastzellaktivitätssyndrom können vermittelt durch Histamin zu zahlreichen verschiedenen Symptomen führen. Die Abgrenzung zwischen der Histaminintoleranz und der Manifestation eins Mastzellaktivitätssyndroms ist nicht immer einfach, da Laborbefunde nur begrenzt die Diagnose sichern können. Die genaue Schilderung der Symptome ist daher häufig richtungsweisend. 

Vorgeschichte – Allergie und Nahrungsmittelunverträglichkeit 

Bei einem 57-jährigen Mann ist seit der Kindheit eine saisonale Allergie (Gräser, Birkenpollen) mit Rhinitis und Konjunktivitis bekannt. Diese ist seit dem ca. 20. Lebensjahr deutlich rückläufig und aktuell fast nicht mehr vorhanden.  

Mit der beruflichen Tätigkeit (Arzt) trat dann ca. 10 Jahre nach der Erstexposition eine Latexallergie (Latexhandschuhe) auf. Diese manifestierte sich mit Juckreiz an Händen und Augen sowie mit einem leichten Asthma. Das Problem konnte mit latexfreien Handschuhen beherrscht werden.  

Zwischen dem 30. und 35. Lebensjahr tritt erstmals eine Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln auf. Neben starkem Juckreiz traten auch Ereignisse mit schwerer Luftnot auf. Anfänglich traten diese Episoden 2-4 Mal pro Jahr auf, stiegen aber in der Häufigkeit bis auf aktuell 6-12 Episoden pro Jahr.  

Akute und anhaltende Reaktion auf Histamin – Brühwürstchen, Sauerkraut und Senf

Der Betroffene aß zum Mittagessen eine Mahlzeit bestehend aus Brühwürstchen, Sauerkraut und Kartoffelpüree. 

 Die akuten Symptome entwickelten sich 10 Minuten nach Ende der Mahlzeit und der Mann nahm dann auf Anraten seiner Frau 2 orale Antihistaminika ein, den H1-Blocker Lorantadin (10mg) und den H2-Blockers Ranitidin (300 mg). Die Symptomentwicklung hatte eine klare Abfolge, indem sie eindeutig zuerst im Rachenraum bemerkt wurde. Die Schwellung der Augen sowie die sprunghafte Gewichtszunahme um 1 kg hielten bis zum Tag 3 an. 

Erste Symptome im oberen Verdauungstrakt – V.a. Histaminintoleranz 

Das erste und das am stärksten ausgeprägte Symptom war eine Schwellung im Rachenraum. Dadurch entwickelten sich eine kloßige Sprache und Schluckstörungen, so dass der Betroffene in der Akutphase folglich sogar Medikamente nur schwerlich schlucken konnten. Ein weicher “Stuhlgang” trat an Tag 2 auf. 

Unverträglichkeit von Histamin – Müdigkeit ein häufiges Symptom 

Die Müdigkeit, die z.T. auch auf die Einnahme von Antihistaminika zurückgeführt werden kann, hielt bis zum Abend an. Der Betroffene kennt allerdings auch Müdigkeit als Histaminsymptom ohne den Einsatz von H1-Blockern.  

Die Schwellung um die Augen trat früh auf.  Die Augenschwellung ging am Tag 2 langsam zurück, hielt aber gut sichtbar bis zum Tag 3 an. Ein weiteres Zeichen für den Austritt von Flüssigkeit in das Körpergewebe war ein sprunghafter Anstieg des Körpergewichts, welcher am Tag 3 noch nachweisbar war. 

Histamin – Herzrhythmusstörungen im EKG mit Apple Watch 4 und AliveCor Kardia 6L nachweisbar 

Mit verschiedenen EKG-Systemen (Apple Watch 4, Kardia 6L von AliveCore) konnten wir 10-15 Minuten nach Beendigung der Mahlzeit atriale (gelber Punkt) und ventrikuläre Extrasystolen (roter Punkt) registrieren. Die ventrikulären Extrasystolen waren nach ca. 1 Stunde deutlich rückläufig bzw. nicht mehr nachweisbar. Folglich kam es nur noch zu atrialen Extraaktionen, die allerdings nicht mehr in der anfänglichen Häufigkeit auftraten. Schließlich müssen wir hier berücksichtigen, dass der anfänglich eingenommene H2-Blocker eine in diesem Fall positive Wirkung auf das Herz haben kann. 

Interessanterweise lag die Herzfrequenz in der Nacht (gemessen mit Apple-Watch 4 + SleepWatch App) bis zum Morgen, d.h. 16h Stunden nach der Symptom-auslösenden Mahlzeit mit 77 bpm mehr als 10 bpm höher als in den 7 Tagen davor (durchschnittlich 15,1 bpm kleiner 77 bpm). Dadurch war eine weiterhin gesteigerte elektrische Aktivierung des Herzens mit dem erhöhten Risiko von Herzrhythmusstörungen gegeben. 

 Für weitere Informationen zum EKG: siehe Blog 1-Kanal EKG mit Smartphone 

Histamin – Angina pectoris eindeutig dem Herz zuzuordnen 

Am Tag 2, ca. 20 Stunden nach der Mahlzeit trat ein Brustengegefühl, eine sog. Angina pectoris, in Ruhe auf. Die Herzfrequenz betrug 92 bpm. Das 12-Kanal Ruhe-EKG in der Arztpraxis ergab keine ST-Streckenveränderungen, die Echokardiografie war mit normalen regionalen Kontraktionen ebenfalls unauffällig. Somit lagen keine Zeichen einer ausgeprägten Durchblutungsstörung des Herzmuskels vor. 

Der Nitro-Spray Test war typisch positiv. Nach ca. 5 Minuten löste sich der Brustdruck mit einem deutlich befreienden Gefühl in der Brust begleitet von leichten Kopfschmerzen (häufig). Allerdings ist Nitrospray typischerweise nur kurz wirksam und nach ca. 30 Minuten trat die Angina pectoris wieder auf. 

Nun wurde in der Praxis 1 Ampulle Cimetidin (200 mg) intravenös injiziert. Wieder kam es zu einer typischen Lösung der Beschwerden nach ca. 5 Minuten. 

Die Wirksamkeit vor allen Dingen von Nitrospray spricht für einen Gefäßkrampf der großen Herzkranzgefäße (koronarer Vasospasmus). 

Nebenbefund – Wirkung von Cimetidin auf Histaminrezeptoren im Harntrakt

Am Tag 2 erfolgte die Gabe des Antihistaminikus Cimetidien intravenös. In der Folge war der Harnstrahl bei dem 57-jährigen Mann subjektiv deutlich stärker. Hierfür ist das Wechselspiel zwischen H1- und H2-Rezeptoren wahrscheinlich ursächlich.

Das klingt zunächst paradox, da wir erst einmal denken, dass Antihistaminka zur Abschwächung des Harnstrahls bis hin zum Harnverhalt führen. Das gilt allerdings nur für H1-Antihistaminika, wie z.B. Lorantadin. Histamin vermittelt über H1-Rezeptoren eine stärkere Harnblasenkontraktion. Es gibt allerdings auch H2-Rezeptoren im Harntrakt, die die Blasenkntraktion schwächen, die Wirkung der H1-Rezeptoren sozusagen ausgleichen.

Wenn jetzt, wie in diesem Fall Histamin an den H1-Rezeptoren verstärkt wirkt und die an sich  abschwächende Wirkung von H2-Rezeptoren durch das H2-Antihistaminkum Cimetidin blockiert werden, dann kann der Harnstrahl kräftiger sein.

Hochgradiger Verdacht auf Histaminintoleranz durch unzureichende Funktion der Diaminooxidase 

Ursächlich für die Histaminsymptome war in diesem Fall am wahrscheinlichsten ein direkter toxischer Effekt durch Histamin, da die ersten und schwersten Symptome am Hauptkonzentrationsort der Nahrung, im Mund-Rachenbereich vor Verarbeitung in Magen oder Darm auftraten. Folglich handelt es sich um eine Überladung mit Histamin in einem Missverhältnis zu den enzymatischen Prozessen, die Histamin im Körper abbauen, eine sog. Histaminintoleranz.

Die Histaminintoleranz wird in den meisten Fällen durch eine genetisch bedingte Störung des abbauenden Enzyms Diaminooxidase verursacht. Neben der genetischen Grunddisposition tragen häufig Nahrungsmittel, sog. Diaminooxidase-Hemmer, wie z.B. Alkohol (nicht in diesem Fall) zu einer Verschlimmerung der Beschwerden bei.   

Aus ernährungstechnischer Sicht kommt als Hauptauslöser für die Symptome so auf jeden Fall das Sauerkraut mit seinem sehr hohen Histamingehalt in Frage. Senf als Histaminliberator dürfte zu mindestens in der Frühphase nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. 

Erstaunlich an diesem Fall ist, dass die Nachwirkungen (Wassereinlagerung, Herzfrequenzerhöhung in der Nacht, Angina pectoris am Folgetag) so lange anhielten. Dabei ist der langsame Rückgang der Schwellungen um die Augen herum vielleicht noch dadurch erklärbar, dass eine Ödemrückbildung aus dem Gewebe länger dauern kann.

Die Tatsache aber, dass Angina pectoris erst am Folgetag auftrat, lässt sich eigentlich nur durch eine längere Verweildauer von Histamin im Körper und/oder eine nachhaltige Abbaustörung durch Hemmung des Enzyms Diaminooxidase und/oder eine längere Freisetzung des Histamins durch den Histaminliberator Senf erklären. 

 

 

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


Sie möchten regelmässig informiert bleiben? Tragen Sie sich hier für unseren Newsletter ein!


Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch

 

QT-Zeit – Was ist das?

Die sogenannte QT-Zeit ist ein EKG-Parameter, den wir im 12-Kanal-Oberflächen-EKG in Ruhe messen können. Die QT-Zeit wird erfasst vom Beginn der sogenannten Q-Zacke bis zum Ende der T-Welle. Folglich entspricht sie der Erregungsausbreitung und der Erregungsrückbildung in den Herzhauptkammern.

Die QT-Zeit ist ein sehr wichtiger EKG Parameter. Unserer Meinung nach wird die QT-Zeit bei der Gabe von Medikamenten allerdings zu wenig beachtet, vor allem Veränderungen der QT-Zeit im Verlauf werden zu selten bewertet.

QT-Zeit – Wichtige Hinweise zur Messung

Die QT-Zeit ist abhängig von der Herzfrequenz, das heißt: Je niedriger die Herzfrequenz, umso länger ist die QT-Zeit und umgekehrt. Die Messung der QT-Zeit ist nicht immer einfach, da das Ende der T-Welle bei niedriger Amplitude oder Auftreten von U-Wellen nicht immer leicht abzugrenzen ist. Wichtig ist vor allem auch, dass man sich auf eine Ableitung im EKG bezieht und auch die Kontrollmessung im Verlauf an dieser Ableitung durchführt. So lassen sich gut Vergleiche ziehen.

Aufgrund der Frequenzabhängigkeit normiert man die QT-Zeit auf eine Herzfrequenz von 60 Schlägen/min, so dass wir eine frequenzkorrigierte QT-Zeit angeben. Das entspricht der Schreibweise QTc.

Zur Berechnung der frequenzkorrigierten QTc-Zeit gibt es unterschiedliche Formeln, die in den EKG-Geräten hinterlegt sind. Die häufig angewandte Formel nach Bazett hat Schwächen, insbesondere bei niedrigen und hohen Herzrequenzen, sodass wir die Formel nach Fridericia bevorzugen:

QTc = QT-Dauer [s] : RR Intervall [s]

Das RR-Intervall beschreibt den Abstand zwischen R-Zacken im EKG.

Die Richtwerte für die frequenzkorrigierte QT-Zeit sind geschlechterabhängig:

Bei Frauen < QTc 460 ms
Bei Männern < QTc 450 ms

QTc- Zeit-Verlängerung – klinische Bedeutung

Eine Verlängerung der frequenzkorrigierten QT-Zeit geht mit einem erhöhten Risiko von Herzrhythmusstörungen aus der Herzhauptkammer einher. Das Risiko steigt mit zunehmender QTc-Verlängerung und es ist insbesondere bei einer frequenzkorrigierten QT-Zeit > 500 ms mit einem erhöhten Risiko zu rechnen.

Die typische Herzrhythmusstörung aus der Herzhauptkammer ist die sogenannte Torsade-de-Pointes-Tachykardie, welche üblicherweise spontan endet und selten in ein Kammerflimmern übergeht. Das Problem bei ihrem Auftreten sind mögliche kurzzeitige  Bewusstseinsverluste, sogenannte Synkopen. Die wiederum können zu Stürzen führen, bei denen sich betroffene Personen verletzen.

QTc- Zeit-Verlängerung – was sind die Ursachen?

Es gibt das angeborene Long-QT-Syndrom, welches genetisch bedingt und eher selten ist. Häufiger ist das erworbene Long-QT-Syndrom und insbesondere die QT-Zeit-Verlängerung durch bestimmte Medikamentengruppen. Typische Medikamentengruppen, die eine verlängerte QT-Zeit im EKG verursachen können, sind Antiarrhythmika, Antibiotika, Psychopharmaka.

Hier eine Auswahl von häufig eingesetzten Medikamenten mit QT-verlängernder Wirkung

  • Voriconazole, Fluconazol, Itraconazol, Ketoconazol
  • Levofloxazin,Moxifloxazin, Ofloxacin, Ciprofloxacin
  • Clarithromycin,Erythromycin, Roxithromycin, Azithromycin
  • Cotrimoxazol
  • Lithium, Escitalopram,Venlafaxin,  Amitriptylin, Nortriptylin, Citalopram, Doxepin, Fluoxetin, Clomipramin
  • Imipramin, Trimipramin, Paroxetin, Sertalin
  • Sotalol, Amiodaron, Quinidin, Procainamid, Flecainid
  • Alfuzosin, Vardenafil 
  • Tacrolismus, Tamoxifen 
  • Astemizol, Terfenadine, Diphenhydramin

Eine ausführliche Liste finden Sie unter der unten genannten Literaturangabe.

QT-Verlängerung – Risiko für ventrikuläre Tachykardie des Herzens

Das Risiko für die gefürchtete Torsades-de-Pointes-Tachykardie der Herzhauptkammern (siehe Bild “Vorhofflimmern + Torsades-de-Pointes-Tachykardie unter Sotalol”) bei einer QT-Zeit-Verlängerung ist von Medikament zu Medikament unterschiedlich. Das heißt: Bei gleicher QT-Zeit-Verlängerung ist das Risiko einer Torsade nicht gleich, sondern einzelne Medikamente haben in sich ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Torsaden. Weitere Risikofaktoren für das Auftreten von Torsaden bei QT-Verlängerungen sind:

Lange QT-Zeit und Herzrhythmusstörungen – praktische Beispiele

Typische Auslösesituationen für das Auftreten von Torsaden bei QT-Zeit-Verlängerung entstehen durch die Kombination von QT-Zeit-verlängernden Medikamenten und begünstigenden Risikofaktoren. Eine typische Auslösesituation sieht wie folgt aus:

Beispiel 1. Unter einer Dauermedikation mit einem QT-Zeit-verlängernden Psychopharmakon (A) wird ein Antibiotikum (B) hinzugefügt, welches ebenfalls die QT-Zeit verlängert. Zudem tritt beispielsweise als Nebenwirkung des Antibiotikums Durchfall auf, der wiederum für Elektrolytverlust und Kaliummangel sorgt. Durch die Medikamentenwirkung und den durchfallbedingten Kaliummangel kann es dann zu einer summierten QT-Zeit-Verlängerung kommen – und somit zum Auftreten von Herzrhythmusstörungen.

Beispiel 2. Die Abbauprozesse von Medikamenten in der Leber, und hier vor allen Dingen über das Cytochrom P450 System, kurz CYP-System genannt, können ebenfalls Probleme bereiten. Stellen Sie sich vor ein potentiell QT-verlängerndes Medikament (A) wird über CYP 3A4 abgebaut. Kommt jetzt ein weiteres Medikament (B) hinzu, welches ebenfalls über CYP 3A4 verstoffwechselt wird, dann können sich folglich A und B am CYP 3A4 behindern. Aus diesem Grund wird der Abbau von A gestört, A staut sich vor CYP 3A4 an und A ist in stärkerer Konzentration in Ihrem Körper und auch in Ihrem Herzen erhöht. Das hat dann die Verlängerung der QT-Zeit zur Folge.

QT-Zeit-verlängernde Medikation – praktische Konsequenz

Es ist daher wichtig das Potenzial einer QT-Zeit-Verlängerung eines neu verordneten Medikamentes zu kennen. Somit ist es sinnvoll vor Einleitung einer Therapie das EKG zu kennen. Der Ausgangsbefund dient damit in Der Folge zur Kontrolle der  QT-Zeit im Verlauf.

Sollte hier eine relevante QT-Zeit-Verlängerung der frequenzkorrigierten QT-Zeit über 30 ms gemessen werden, so ist das Absetzen der Medikation zu überprüfen. Das ist nicht immer einfach, etwa wenn es sich um eine lebensnotwendige Therapie bei Tumorerkrankungen handelt. Dann muss man im Sinne einer Nutzen-Risikoabwägung gemeinsam im Team entscheiden, inwieweit die Medikation trotzdem fortgeführt wird. In solch einem Fall ist darauf zu achten, Zustände des Kalium- und Magnesiummangels zu verhindern und engmaschig im Blut zu kontrollieren.

Sollte es unter einer neuen Medikation zu Herzstolpern,  Schwindel oder Ohnmacht kommen, empfehlen wir, sofort ein EKG zu schreiben und die QT-Zeit zu messen. Zudem ist wichtig, dass man bei Langzeitbehandlung mit QT-Zeit-verlängernden Medikamenten regelmäßig den Kalium- und Magnesiumspiegel überprüft. Bei Leber- und Nierenfunktionsstörungen ist die Dosis anzupassen und bei Begleitmedikamenten müssen konkurrierende Abbauwege beachtet werden.

Sollten Sie unter Medikamenten Herzstolpern verspüren, dann sollten Sie folglich immer zuerst an eine QT-Verlängerung durch Medikamente denken.

Schlussfolgerung

Die Potenz von Medikamenten die QT-Zeit zu verlängern ist klinisch relevant und sollte folglich im EKG stets überprüft werden. Auf jeden Fall ist eine sinnvolle Kontrolle über die Fachinformation der eingenommenen Medikamente auch für Sie möglich. Auch Apps können helfen: Eine spezielle App zur Beurteilung des Risikos der QT-Zeit-Verlängerung und auch des Risikos der Torsaden ist die kostenfreie App CredibleMeds Mobile.

 

 

 

 

Mehr zu: Dr. Stefan Dierkes

 

 

 

 

 

 


Sie möchten regelmässig informiert bleiben? Tragen Sie sich hier für unseren Newsletter ein!


Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch

Herzrasen nach dem Mittagessen –  Herzrhythmusstörungen durch Histamin

Vorgeschichte

Bei einem 57-jährigen Mann ist seit der Kindheit eine saisonale Allergie bekannt. Seit dem jungen Erwachsenenalter treten immer wieder Symptome einer Histaminintoleranz bzw. eines Mastzellaktivitäts-Syndroms auf.

Ca. 10 Minuten vor Beginn der Symptome Mahlzeit mit Würstchen, Sauerkraut und Kartoffelpürree, dazu ca. 3 Eßlöffel Senf (Löwensenf, mittelscharf-mild).

Symptome von Histamin

Akute Symptome am Tag 1

  • Zuschwellung des Rachens mit veränderter Stimme (“kloßig”) und Schluckstörungen
  • Jucken der Augen
  • keine Luftnot
  • kein Herzstolpern (= asymptmatische Herzrhythmusstörungen)
  • Zuschwellen der Augen
  • Müdigkeit

Latente Symptome am Tag 2

  • Angina pectoris (Nitrospray– und Cimetidin-Test positiv)
  • weicher Stuhlgang
  • fortgesetzte Schwellung der Augen (bis Tag 3)

Smartphone 1-Kanal EKG – Apple Watch 4 

Was kann ich sehen:

  • elektrische Herzfrequenz 101 bpm
  • P-Welle gut sichtbar
  • regelmäßige P-Wellen mit konstantem Intervall, jeder P-Welle folgt ein QRS-Komplex mit gleichem Abstand = Sinusrhythmus
  • intermittierende elektrische Extraaktionen (Extrasystolen)
  • Extrasystolen mit SCHMALEM QRS-Komplex = Vorhoffextrasystolen = atriale Extrasystolen (gelber Punkt) mit post-extrasystolischen Pausen bis zur nächsten normalen elektrischen Herzaktion (gelber Strich). Bei einer Anzahl von  7 Extrasystolen während einer Aufzeichnungsdauer von 30 Sek. entspricht das 14% aller gezählter Hauptkammerkomplexe
  • Extrasystolen mit BREITEM QRS-Komplex = Hauptkammerextrasystolen = ventrikuläre Extrasystolen (roter Punkt), 1 Doppelaktion mit 2 aufeinanderfolgenden ventrikulären Extrasystolen (= Couplet); alle ventrikulären Extrasystolen sehen ähnlich aus = monomorphe ventrikuläre Extrasystolen = 1 einzelner Ursprungsort in den Herzhauptkammern wahrscheinlich. Bei einer Anzahl von 7 Extrasystolen während einer Aufzeichnungsdauer von 30 Sek entspricht das 14% aller gezählter Hauptkammerkomplexe.

Diagnose durch Apple

  • uneindeutig

Diagnose durch den Kardiologen

  • Sinustachykardie mit intermittierenden supraventrikulären Extrasystolen und monomorphen ventrikulären Extrasystolen mit 1 Couplet

Smartphone 1-Kanal EKG – AliveCor KardiaMobile

Was kann ich sehen? – Zusatzinformationen

Die Annotation (blaue Markierung), die Balkenlinie unterhalb des EKGs zeigt einen komplett regelmäßigen Grundrhythmus an. Bei besser sichtbaren regelmäßigen P-Wellen vor dem QRS-Komplex können Sie somit die Diagnose “Sinusrhythmus” eindeutig selber stellen. Auch die Vorhofextrasystolen (gelber Punkt) lassen sich gut abgrenzen.

Diagnose durch Kardia

  • Tachykardie

Die Diagnose “unklassifiziert” oder “mögliches Vorhofflimmern” wird NICHT gestellt, was richtig ist.

Diagnose durch den Kardiologen

  • Sinsutachykardie mit einzelnen atrialen Extrasystolen

Smartphone 1-Kanal EKG – AliveCor Kardia 6L

 

Was kann ich sehen? – Zusatzinformationen

Der Hauptvektor des QRS-Komplexes der monomorphen ventrikulären Extrasystolen liegt zwischen den Extremitätenableitungen II und III, d.h. die grösste positive Amplitude liegt zwischen diesen Ableitungen. Folglich handelt es sich um einen sog. Steiltyp.

Die Extrasystolen haben somit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ihren Ursprung in einem Ausflußtrakt des Herzens oder der Aortenbasis. Entweder handelt es sich um den rechtsventrikulären Ausflußtrakt (Verbindung zwischen rechter Herzhauptkammer und Lungensrombahn) oder dem linksventrikulären Ausflußtrakt (Verbindung zwischen linker Herzhauptkammer und Aorta). Eine genauere Festlegung ist nicht möglich, hierfür brauchen Sie ein 12-Kanal EKG.

Die P-Wellen sind in dem 6-Kanal EKG gut abgrenzbar.

Diagnose durch Kardia

  • normal (bei Herzfrequenz <100 bom)

Diagnose durch den Kardiologen

  • ventrikuläre Extrasystole

Technische Anmerkung – Annotation bei Kardia von AliveCor

Die AliveCor Kardia Systeme, KardiaMobile, KardiaBand und Kardia 6L  zeigen im 1-Kanal EKG eine sog. Annotation an. Es handelt sich um eine Balkenlinie (blaue Markierung) unterhalb des EKGs; die kleinen senkrechten Balken zeigen den QRS-Komplex an. Somit können Sie auch bei schneller Herzschlagfolge die Regelmäßigkeit der Herzaktionen besser bewerten. Gegebenenfalls können Sie das EKG ausdrucken und mit einem Zirkel oder einem Lineal selber nachmessen. Sowohl das KardiaMobile als auch die 1-Kanal EKG-Funkton des Kardia 6L verfügen über eine Annotation. Das 1-Kanal EKG von Apple verfügt nicht über eine Annotation.

Technische Anmerkung – Vorteile des 6-Kanal EKGs

Gerade dem geschulten Betrachter bietet das 6-Kanal EKG von AliveCor mehr Möglichkeiten. Die P-Wellen sind besser abgrenzbar, weil Sie in der Regel in der Extremitäten Ableitung II am besten sichtbar sind. Die 1-Kanal EKGs bilden jeweils nur die Ableitung I ab.

Durch das 6-Kanal EKG läßt sich auch der Ursprungsort von ventrikulären Extrasystolen besser abgrenzen. Das hat durchaus Bedeutung, weil es sich in dem vorgestellten Fall mit hoher Wahrscheinlichkeit um  ventrikuläre Extrasystolen aus einem Ausflußtrakt des Herzens handelt.

 

Intervention und Verlauf

Symptome. Die akuten Symptome entwickelten sich 10 Minuten nach Ende der Mahlzeit und der betroffene Mensch nahm dann 2 orale Antihistaminika, den H1-Blocker Lorantadin (10mg) und den H2-Blockers Ranitidin (300 mg, oral nicht in Deutschland erhältlich). Die Symptomentwicklung hatte eine klare Abfolge, indem sie sich eindeutig zuerst im Rachenraum bemerkbar machten.

Herzrhythmus. Die atrialen und ventrikulären Extrasystolen wurden zuerst ca. 10-15 Minuten nach Beendigung der Mahlzeit registriert. Die ventrikulären Extrasystolen waren nach ca. 1 Stunde deutlich rückläufig bzw. nicht mehr nachweisbar, während atriale Extraaktion weiter vorkommen, allerdings nicht in der anfänglichen Häufigkeit.

Interessanterweise lag die Herzfrequenz in der Nacht (gemessen mit Apple-Watch 4 + SleepWatch App) bis zum Morgen, d.h. 16h Stunden nach der Symptom-auslösenden Mahlzeit mit 77 bpm mehr als 10 bpm höher als in den 7 Tagen davor (Durchschnitt 15,1 bpm <77 bpm). Folglich bestand somit eine fortgesetzte arrythmogene Aktivierung des Herzens auch in der Nacht.

Den vollständigen Fallbericht finden Sie hier: Fallbericht V.a.Histaminintoleranz

Kurzbeschreibung – Histamin und Herzrhythmusstörungen

Histamin wirkt über verschiedene Rezeptoren und bewirket so mannigfache Symptome. Dabei verursachen vor allen Dingen die Aktivierung von H1 und H2 Rezeptoren Veränderungen im Herz-Kreislaufsystem.

Folglich bewirkt Histamin über die  H1 Rezeptoren eine Blutgefäßerweiterung und damit Blutdruckschwankungen. Die H2 Rezeptoren hingegen stimulieren das Herz indem sie, so wie in diesem Fall eine Tachykardie auslösen und auch die Muskulatur der Herzhauptkammern zu mehr Aktivität stimulieren. Darüber hinaus können vor allen Dingen in den Vorkammern Extrasystolen bis hin zu Vorhofflimmern getriggert werden.

Ein indirekter Beleg für die Bedeutung von Histaminrezeptoren am Herzen ist die Wirkung von sog. H2-Blockern, z.B. Cimetedin und Ranitidin am Herzen. Schließlich ist bei Rantidin die Wirkung auf die Erregungsbildung und -weiterleitung im Herzen so  ausgeprägt, dass unter höheren Dosierungen von 300mg Ranitidin in seltenen Fällen kritische Verlangsamungen der Herzfrequenz vorkommen können.

Folglich haben diese  Zusammenhänge im Alltag durchaus praktische Bedeutung. In diesem Sinne sind Menschen, die ohnehin schon ein erhöhtes Risiko, z.B. für Vorhofflimmern haben, besonders gefährdet. Liegt dann noch eine Histaminerkrankung, z.B. eine Allergie, eine Histaminintoleranz oder ein Mastzellaktivitätssyndrom vor, dann können zugeführte Histamin-begünstigende Nahrungsmittel, so z.B. auch das beliebte Oktoberfestbier Herzrhythmusstörungen auslösen.

Während eine Allergie von Betroffenen und Ärzten gut erkannt wird, fällt die Abgrenzung anderer Histaminerkrankungen aufgrund der eingeschränkten diagnostischen Möglichkeiten, und hier vor allen Dingen eines einfachen Labortests, schwer. Folglich sollten wir bei Herzrhythmusstörungen im jüngeren und mittleren Lebensalter, d.h. bei fehlenden weiteren Risikofaktoren für das Herz an eine Histaminerkrankung bzw. den Einfluss von Nahrungsmitteln denken und genauer nach weiteren Histaminsymptomen fragen.

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


Sie möchten regelmässig informiert bleiben? Tragen Sie sich hier für unseren Newsletter ein!


Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch

 

 

Zahlreiche Faktoren beeinflussen Überschuss an Histamin

Die Symptome einer Histaminfreisetzung werden durch folgende Faktoren beeinflusst

  • Zahl der Mastzellen
  • Aktivierbarkeit der Mastzellen
  • Vorhandensein eines Auslösers
  • Potenzial von Histamin, sich selbstverstärkend über Mastzellen freizusetzen
  • Status des Hormonhaushaltes
  • Funktionstüchtigkeit der Abbauwege von Histamin

Aufgrund der Vielzahl von Einflussgrößen, die die Konzentration von Histamin im Gewebe bestimmen, liegt bei den Symptomen von Histamin keine einfache Dosis-Wirkungs-Beziehung vor. Wir können also z.B. nicht sagen: je mehr Auslöser, desto mehr Histamin im Gewebe und desto mehr Symptome.

Schon alleine die Nahrung mit dem Gehalt an Histamin, Histamin-freisetzenden Stoffen (Histaminliberatoren) und den Faktoren, die den Abbau blockieren (Diaminooxidasehemmer) kann bewirken, dass die Symptome sehr variabel ausgeprägt sind. Das erklärt auch, warum derselbe Mensch an einem Tag z.B. Tomatenmark gut verträgt und an einem anderen Tag schwere Symptome des Histaminüberschusses hat.

Das Spektrum reicht von Symptomlosigkeit über leichte Symptome wie Müdigkeit bis hin zum Kreislaufschock, dem anaphylaktischen bzw. anaphylaktoiden Schock. Nachfolgend finden Sie einige Symptome.

Histamin – allgemeine Symptome

  • Müdigkeit
  • Erschöpfungszustände und allgemeines Krankheitsgefühl
  • Wärmeintoleranz

Gerade Müdigkeit oder häufige Erschöpfung sind Symptome, die zunächst nicht an eine Histaminerkrankung denken lassen. Das gilt vor allen Dingen nicht, wenn keine weiteren Symptome wie Juckreiz oder Hautschwellung vorliegen.

Die Müdigkeit kommt fast anfallsartig ca. 20 Minuten nach einer Mahlzeit. Sie haben das Gefühl der bleiernen Schwere und das unbedingte Bedürfnis zu schlafen. Das lässt sich von der üblichen Müdigkeit nach einer Mahlzeit manchmal nicht sicher abgrenzen. Kommen dann aber später Blähungen bzw. ein weicher Stuhlgang am Folgetag hinzu, dann können Sie davon ausgehen, dass die Müdigkeit durch einen Überschuss an Histamin vermittelt war. Im Gegensatz zu einem normalen Power-Nap wachen Sie von einer Histamin-verursachten Müdigkeit nicht erholt auf. Manchmal kann es den ganzen Tag dauern, bis Sie sich wieder langsam erholen.

Ein hochinteressantes Symptom ist die Wärmeintoleranz, die wahrscheinlich beim Mastzellaktivitätssyndrom eine entscheidende Rolle spielt. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist bekannt, dass Mastzellen mit Zunahme der Temperatur aktiver werden und mehr Histamin freisetzen. Beim Menschen kann ein Anstieg der Körpertemperatur indirekt durch die klimatische Außentemperatur oder direkt durch körperliche Aktivität verursacht werden.

Wir erleben immer wieder Menschen, die in Verbindung mit einer histaminlastigen Mahlzeit während sie essen und noch am Tisch sitzen keine Symptome haben. Diese treten erst dann zu Tage, wenn sie sich körperlich bewegen, z.B. eine mittlere Strecke zu Fuß gehen. Die Hauptursache ist hochwahrscheinlich, dass Mastzellen mit steigender Körperwärme zunehmend aktiviert werden und somit vermehrt selber Histamin freisetzen. Hinzu kommt, dass Histamin vom Ort der Aufnahme bzw. der Freisetzung, dem Darm, durch einen gesteigerten Kreislauf schneller an andere Orte im Körper gebracht wird.

Histamin – Symptome an der Haut

  • blasse bzw. auch rote Haut (je nach Aktivierungszustand des vegetativen Nervensystems)
  • Ausschläge
  • Neigung zu Blutergüssen
  • Hautschwellung bis hin zur Quaddelbildung (sog. Nesseln)
  • Juckreiz (Ohren, Augen, ganzer Körper)
  • Missempfindungen (Brennen)

Besonders der Juckreiz und die Hautschwellung lenken die Aufmerksamkeit auf die Diagnose einer Histaminerkrankung. Interessanterweise hängen beide Symptome in ihrer Lokalisation vor allen Dingen in der Anfangsphase von der Struktur des Unterhautgewebes ab.

Der Juckreiz tritt häufig dort zuerst auf, wo die Oberflächenhaut relativ fest mit darunter liegenden Strukturen, z.B. Knorpel oder Sehnen, verbunden ist. Viele Menschen berichten daher, dass sie den Juckreiz zuerst im äußeren Gehörgang oder auch an Hand- und/oder Fußsohlen merken. Das liegt unter anderem auch daran, dass eine durch Histamin verursachte Flüssigkeitsansammlung hier wenig Platz hat, um sich auszubreiten.

Ganz anders ist es bei der Hautschwellung. Diese sehen Sie vor allem dort als erstes, wo das Unterhautgewebe besonders locker ist, im Gesicht und vor allen Dingen unter den Augen. Hier bleibt die sichtbare Schwellung dann bis zu 48 Stunden bestehen.

Histamin – Emotionen, geistige Leistungsfähigkeit

  • Benommenheit unabhängig von Körperposition („brain fog“)
  • Gedächtnis- und Wortfindungsstörungen
  • Kopfschmerzen, Migräne, Trigeminusneuralgie
  • Angst mit Risiko für Panikattacken
  • Stimmungsschwankungen
  • Depressionen

Ein deutlicher Überschuss an Histamin ist immer auch mit Stress, d.h. mit einer Adrenalin-vermittelten Aktivierung, verbunden. Diese erklärt zu einem großen Teil die oben genannten Symptome, wobei die Begünstigung von Depressionen gerade der sog. Post-Adrenalinerschöpfung zuzuschreiben ist.
Dass Histaminerkrankungen Auslöser bzw. Co-Faktor von psychischen Auffälligkeiten sein können, unterschätzen Ärztinnen und Ärzte häufig. Vor allem bei latenten Angststörungen oder Stimmungsschwankungen müssen wir an eine Histaminerkrankung denken. Anstatt auch nach körperlichen Ursachen zu suchen, wird häufig ein rein psycho-somatischer Ansatz gewählt, der sich ausschließlich auf eine vermeintlich psychische Ursache verengt. Dem betroffenen Menschen hilft das nicht wirklich und kann es auch nicht helfen, solange der somatische Co-Faktor Histamin nicht beachtet und die zugrundeliegende somatische Störung nicht behandelt wird.

Histamin – Symptome von Herz und Kreislauf

Ein Teil der Herz-Kreislaufsymptome erklärt sich durch die Wirkung von Histamin selbst. So werden Herzrhythmusstörungen über den Histamin H2 Rezeptor und eine Blutgefäßerweiterung bis hin zum Blutdruckabfall über den Histamin H1 Rezeptor vermittelt. Hinzu kommen noch die mehr oder weniger starken Flüssigkeitsverschiebungen aus dem Blutgefäßraum in das Gewebe.

Der Blutdruckabfall bewirkt eine Adrenalin-vermittelte Gegenreaktion. Die kann dann neben den genannten psychischen Reaktionen auch Blutdruckschwankungen zu Folge haben. Gerade in Verbindung mit Histamin begünstigt auch Adrenalin die Entstehung von Herzrhythmusstörungen. Hier handelt es sich meistens um einzelne Extrasystolen aus Vor- und Hauptkammer. Allerdings kann auch Vorhofflimmern entstehen.

Der kritische Kreislaufschock tritt eher selten auf und geht meistens mit einer echten immunologisch vermittelten Allergie einher. Allerdings kann auch eine massive Zufuhr von Histaminliberatoren, z.B. in Form von Kontrastmittel (z.B. CT, MRT), einen Schock zur Folge haben.

Histamin – Luftnot als lebensgefährliches Symptom

  • Niesen, verstopfte Nase
  • Schwierigkeiten beim Einatmen (Kehlkopf)
  • Schwierigkeiten beim Ausatmen (Bronchien) mit Spannungsgefühl in der Brust
  • Luftnot

Die Luftnot mit Atemversagen ist neben dem Kreislaufschock das gefährlichste Symptom der überschießenden Wirkung von Histamin.

Zunächst kommt es zu enggestellten Bronchien. Das erkennen Sie daran, dass pfeifende Geräusche beim Ausatmen zu hören sind, wie bei einem schweren Asthmaanfall. Schnell überbläht sich dann die Lunge, weil Luft nur noch unvollständig ausgeatmet wird. Schließlich ist eine ausreichende Hin-und-Her Bewegung von Luft kaum noch möglich. Hier sollten Sie im Ernstfall die Ruhe bewahren (so schwer das auch ist) und auf ruhiges und möglichst langes Ausatmen achten. So verhindern Sie eine Überblähung.

Besonders gefürchtet wird, wenn der Kehlkopf zuschwillt, so dass Luft kaum noch oder auch gar nicht eingeatmet werden kann. Hören Sie bei einem betroffenen Menschen ein pfeifendes Geräusch beim Einatmen, dann müssen Sie auf das Schlimmste gefasst sein. Verständigen Sie sofort das Rettungsteam unter 112!

Histamin – Symptome im Magen-Darmbereich häufig

  • Übelkeit, Erbrechen
  • Schluckbeschwerden, Engegefühl im Hals
  • Durchfall bzw. Verstopfung
  • Krämpfe, Unwohlsein im Bauch
  • Blasenentzündung, Brennen beim Wasserlassen

Bei Histaminerkrankungen sind häufig Störungen des Verdauungstrakts symptomatisch. Das ist auch plausibel, weil der Kontakt zwischen der großen Zahl der dort lagernden Mastzellen und der Nahrung hier am intensivsten ist. Die Nahrung enthält zudem neben Histamin selbst noch Histaminfreisetzer und Histaminabbaublocker.

Gerade der weiche Stuhlgang nach Stunden bzw. nach einem Tag weist darauf hin, dass mit einer vorangegangenen Mahlzeit etwas nicht gestimmt hat. Eine Nebenwirkung von Histamin ist die Tendenz zu weichem Stuhl, Verstopfung ist eher als Folge von Histamin-vermittelten Darmkrämpfen zu verstehen.
Sollten Sie ein Engegefühl im Hals merken, dann ist das der Ausdruck einer mittelschweren bis schweren Reaktion auf Histamin. Hier sollten Sie unbedingt auf Störungen der Atmung achten und frühzeitig weitere Maßnahmen einleiten.

Bewertung von Symptomen durch Histamin

Sollten Sie oder einer Ihrer Angehörigen an einer Histaminerkrankung leiden, dann ist es sinnvoll, wenn Sie die Symptome kennen. Das gilt vor allen Dingen für die Zeichen der akuten Lebensbedrohung: schwere Luftnot und Blutdruckabfall mit drohender oder bestehender Ohnmacht. Dann müssen Sie immer den Rettungsdienst unter 112 verständigen.

Mit Ihrem Hausarzt sollten Sie die Maßnahmen besprechen, um Nahrungsmittel mit hohem Histamingehalt bzw. mit Histamin-freisetzenden oder Histaminabbau-blockierenden Substanzen zu vermeiden. Hierzu können Sie sich auch sinnvoll im Internet erkundigen.

Symptome, wie z.B. eine Augenschwellung können bis zu 3 Tage anhalten. Darüber hinaus können Symptome, wie z.B. Angina pectoris oder weicher Stuhlgang erst am Folgetag auftreten. Hier fällt die Zuordnung zwischen Ursache und Wirkung manchmal schwer. Sie sollten aber daran denken, dass a) Symptome zeitversetzt vorkommen können und b) in der Zeit nach einem Ereignis Ihre System zum Abbau von Histamin geschwächt sind. Letzteres bedeutet, dass eine erneute Histaminbelastung schon bei geringeren Mengen Symptome auslösen kann.

Der Hausarzt sollte Ihnen auf jeden Fall klare Handlungsanweisungen für den Fall von Symptomen geben. Sie sollten gemeinsam den Einsatz von Antihistaminika, Bronchdilatatorsprays und Kortison besprechen. Ebenso schwere Fälle, bei denen auch die Notfallkette aktiviert werden muss.

Fallbericht: Verdacht auf Histaminintoleranz – Brustdruck und Herzrhythmusstörungen

Fallbericht: Mastzellaktivitätssyndrom – Juckreiz beim Gehen

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


Sie möchten regelmässig informiert bleiben? Tragen Sie sich hier für unseren Newsletter ein!


Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch

 

Histamin und Nahrung – es muss nicht immer eine Allergie sein

In der Regel kommt ein gesunder Mensch mit den Mengen an Histamin, die durch die körpereigenen Mastzellen freigesetzt bzw. durch die Nahrung zugeführt werden, gut zurecht, ohne dass Symptome wie z.B. Niesen, Juckreiz oder Atemnot auftreten.

Ein kritischer Überschuss an Histamin und damit auch Symptome treten fast ausschließlich dann auf, wenn eine Prädisposition Ihres Körpers besteht Histamin vermehrt aus Mastzellen freizusetzen bzw. oder freigesetztes Histamin nicht schnell genug abzubauen. Diese Prädisposition, d.h. die Bereitschaft Histamin-vermittelte Symptome zu begünstigen können wir im erweiterten Sinne auch Histaminerkankungen bzw. Histaminosen nennen. Diese können isoliert alleine, aber auch in Kombination vorkommen. Zu ihnen zählen:

  • Allergie (Freisetzung +)
  • Histaminintoleranz (Abbau -)
  • Mastzellaktivierungssyndrom (Freisetzung +)
  • Mastozytose (Freisetzung +)

Erst in Verbindung mit einer zugrundeliegenden Histaminerkrankung können Umwelteinflüsse eine Überschuss von Histamin in Ihrem Körper bewirken. Gerade Nahrungsmittel sind hier von großer Bedeutung. Über die Nahrung können vor allen Dingen zugeführt werden:

  • Histamin (Abbau -)
  • Histaminfreisetzer (Freisetzung +)
  • Histaminabbauhemmer (Abbau -)

An dieser Stelle müssen der Vollständigkeit halber auch Allergen erwähnt werden, die mit der Nahrung zugeführt werden und eine vermehrte Freisetzung von Histamin bewirken können. Allergien sind im Gegensatz zu den anderen Histaminerkrankungen echte immunologische Erkrankungen, die durch Immunglobulin E vermittelt werden. Im Vergleich zu den anderen Histaminerkrankungen werden die Nahrungsmittelallergien allerdings eher überschätzt. Folglich wird der Begriff “Nahrungsmittelallergie” häufig leichtfertig und falsch eingesetzt.

Wenn wir Symptome eines Überschusses an Histamin, dann liegt meistens eine Histaminintoleranz oder ein Mastzellaktivierungssyndrom in Verbindung einer vermehrten Zufuhr von Histamin und/oder Histaminfreisetzern und/oder Histaminaubbauhemmern zugrunde.

Histaminspender – Histamingehalt in Nahrungsmitteln

Nahrungsmittel können die Konzentration von Histamin in Ihrem Körper erhöhen. Aufgrund ihres beeinflussenden Histamingehalts nennen wir sie auch Histaminspender.

Grundsätzlich gilt bei Nahrungsmitteln: Solche, bei denen ein bakterieller Zersetzungsprozess eine Rolle spielt, enthalten eher eine erhöhte Konzentration an Histamin. Denn beispielsweise sind bei der Gärung von Alkohol, der Fermentierung von Käse oder anderen Milchprodukten Bakterien notwendig, die allerdings auch Histamin bilden.

Das Gleiche gilt auch für die Frische von Lebensmitteln. Werden Lebensmittel unsachgemäß verarbeitet, gelagert oder transportiert werden, z.B. mit Unterbrechung der Kühlkette, dann beginnt der Zersetzungsprozess durch Bakterien und es steigt der Histamingehalt.

Ein schönes Beispiel ist hier der Fisch. Fangfrisch macht er keine Probleme. Wird er aber gelagert oder verarbeitet, dann kann der Histamingehalt erheblich steigen.

Bitte bedenken Sie auch, dass sog. Probiotika histaminbildende Bakterien enthalten können. An erster Stelle sind hier solche zu nennen, die Lactobazillen enthalten. Andere Bakterienstämme in Probiotika, z.B. Bifidobacterium infantis oder Bifidobaterium longum senken sogar den Histamingehalt im Darm.

Hier eine Auswahl an Lebensmitteln, die besonders viel Histamin enthalten:

  • Gemüse, z.B. Sauerkraut (!), Tomaten, Spinat, Avocado
  • Käse, vor allen Dingen Camembert, Emmentaler, Roquefort, Gouda, Edamer
  • Wurstwaren, z.B. Salami, rohe Wurst und Schinken
  • Fisch, vor allen Dingen geräuchert und in Konserven, z.B. Sardellen, Makrelen, Thunfisch
  • Essig, sog. Tafelessig und Rotweinessig (Aceto balsamico)
  • Alkohol, vor allen Dingen obergäriges Bier (z.B. Weizenbier, Alt), auch alkoholfreies Bier, Rotwein, Sekt & Champagner, Dessertweine (Port, Sherry)

Histaminliberatoren als Histaminfreisetzer – vermehrte Freisetzung von Histamin aus Mastzellen durch Nahrungsmittel

Histaminliberatoren bewirken, dass Histamin nicht-immunologisch, d.h. nicht durch Immunglobulin RE vermittelt, vermehrt aus Mastzellen freigesetzt wird. Deswegen nennen wir Histaminliberatoren auch Histaminfreisetzer. Zum Beispiel folgende Lebensmittel enthalten Histaminliberatoren:

  • Meeresfrüchte, zB. Muscheln, Austern, Krebse, Hummer, Krevetten, Garnelen, Langusten
  • Sonneblumenkerne, Weizenkeime
  • Cashewnüsse, Haselnüsse, Walnüsse
  • Hülsenfrüchte, z.B. Soja, Bohnen, Erbsen, Linsen
  • Weiß- und Rotwein
  • Orangen, Papaya, verschiedene Pflaumenarten, Limone, Kiwi, Grapefruit, Ananas, Erdbeere
  • Kakao
  • Tomaten- und Orangensaft
  • zahlreiche Zusatzstoffe, z.B. Glutamat
  • Kalium, Jodsalz, Folsäure, Vitamin B2
  • Salizylsäure, z.B. Aspirin
  • Senf, Lakritze
  • Eiklar

Diaminooxidasehemmer als Histaminabbauhemmer – verringerter Abbau von Histamin durch Nahrungsmittel

Histamin wird vor allen Dingen über das Enzym Diaminooxidase abgebaut. Diaminooxidasehemmer in der Nahrung bewirken somit einen verringerten Abbau von Histamin. Sie sind folglich Histaminabbaublocker.

So kann es auch bei normaler Nahrungszufuhr bzw. bei freigesetztem Histamin aus den Mastzellen zu einem Überschuss an Histamin kommen. Hier die wichtigsten Beispiele:

  • verschiedene Tees, z. B. Schwarzer Tee, Grüner Tee oder Matetee
  • Kaffee
  • jede Form von Alkohol
  • Energy-Drinks
  • Vitamin C

Umgang mit Nahrung bei Histaminerkrankungen

Sollten Sie an einer Histaminerkrankung leiden, dann ist der richtige Umgang mit Nahrungsmitteln sinnvoll. Natürlich heißt der erste Schritt: Histaminhaltige Nahrung, Histaminfreisetzer und Histaminabbaublocker vermeiden! Eine vollständige „Abstinenz” ist im Alltag nicht immer möglich und in der Regel auch nicht erforderlich.

Häufig ist es nämlich eine Kombination von Einflussfaktoren, die zu einem Überschuss an Histamin im Körper führt. Zum Beispiel eine typische Konstellation ist: ein Mastzellaktivitätssyndrom (Histaminerkrankung) in Verbindung mit einem Gericht aus Meeresfrüchten (Histaminfreisetzer) + Weizenbier (Histaminspender + Histaminblocker) + abschließend Camembert (Histaminspender). Da kommt dann einiges zusammen, was den Histamingehalt im Körper kritisch erhöht.

Folglich sollten Sie gerade die Kombination der genannten Lebensmittel meiden. So können Sie die Anzahl der symptomatischen Episoden deutlich verringern. Das gelingt nicht immer, aber meistens. Sie müssen achtsam sein, die Nahrungsmittel kennen, die Ihnen Probleme bereiten, und diese in Kombination möglichst meiden.

Histaminüberschuss durch Medikamente

Ähnlich wie bei der Nahrung gibt es bei Medikamenten auch Histaminliberatoren und Histaminabbaublocker. Nachfolgend finden Sie die diesbezüglich stark wirksamen Medikamente.

Histaminliberatoren:

  • Schmerzmittel, z.B. Acetylsalicylsäure, Morphin, Codein, Indometazin, Diclofenac, Metamizol, Novaminsulfon
  • Lokalanästhetika, z.B. Lidocain, Tetracain
  • Narkosemittel, z.B. Ketamin, Propofol
  • Muskelrelaxantien, z.B. Pancuronium, Tubucurarin
  • Kreislaufmittel, z.B. Atropin
  • Kontrastmittel, alle, sowohl für Röntgen als auch für Magnetresonanztomografie

Histaminabbaublocker:

  • Metformin (Antidiabetikum)
  • Dihydralazin, Clonidin (Bluthochdruckmittel)
  • Chloroquine (Malariamittel)
  • Clavulansäure (Zusatz bei Antibiotika)
  • Pancuronium, Tubucurarin (Muskelrelaxantien)

Sollten Sie an einer Histaminerkrankung leiden, dann weisen Sie Ihren Arzt darauf hin. Gerade vor operativen Eingriffen sollten der Operateur und der Anästhesist hier Bescheid wissen.

Fallbericht: Verdacht auf Histaminintoleranz – Brustdruck und Herzrhythmusstörungen

Fallbericht: Mastzellaktivitätssyndrom – Juckreiz beim Gehen

 

 

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


Sie möchten regelmässig informiert bleiben? Tragen Sie sich hier für unseren Newsletter ein!


Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch

 

 

Zu viel Histamin – Nebenwirkungen Herzrasen, Herzstolpern, Blutdruckschwankungen möglich

Wir kennen verschiedene Erkrankungen, die zu einer vermehrten Wirkung von Histamin im Körper führen. Hierzu zählen an aller erster Stelle die Allergie, welche immunologisch vermittelt ist, die Histaminintoleranz sowie das Mastzellaktivierungssyndrom und selten auch die Mastozytose.

In der Cardiopraxis beschäftigt uns Histamin immer wieder, weil Histamin einen erheblichen Einfluss auf den Kreislauf, aber auch das Herz selber haben kann. So können durch ein Übermaß an Histamin in Ihrem Körper Blutdruckschwankungen, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen und Brustdruck auftreten.

Was ist Histamin und wo kommt es her?

Histamin ist ein Botenstoff und ein wichtiger Bestandteil Ihres Immunsystems und damit der entzündlichen Abwehr bei Verletzungen und Fremdkörperkontakt. Es handelt sich um ein Gewebshormon, welches die Durchblutung steigert und die Durchlässigkeit der Blutgefäße für andere Entzündungszellen und somit auch für Flüssigkeit erhöht. Dadurch können Entzündungszellen besser an den Ort des Problems gelangen, um Fremdkörper abzubauen und die Heilung einzuleiten.

Histamin wird im Körper in Mastzellen gebildet und gespeichert. Diese Mastzellen sind überwiegend gewebeständige Zellen der Immunabwehr, d.h. wir finden Sie kaum im Blut.  Mastzellen lagern vor allen Dingen in der Haut, den Bronchien und im Darm. Die Zellen enthalten in Speicherbläschen, den sog. Vesikeln neben dem Histamin bis zu 60 weitere Stoffe der entzündlichen Abwehrreaktion. Interessanterweise nimmt die Zahl der Mastzellen nimmt mit dem Alter zu.

Körpergewebe – Wirkung über verschiedene Histamin-Rezeptoren

Histamin wirkt auf verschiedne Organe und Gewebetypen im Körper. Dieses geschieht  über die Rezeptoren H1, H2, H3 und H4, die auf der Zelloberfläche von  Zellmembranen sitzen. Dabei sind die Rezeptoren verschiedenen Zelltypen des Körpers zugeordnet und vermitteln unterschiedliche Wirkungen.

H1- Rezeptoren bewirken z.B. die Blutgefäßerweiterung und die Engstellung der Bronchien, H2-Rezeptoren verursachen z.B. eine vermehrte Bildung von Magensaft. Die H2-Rezpetoren sind übrigens auch für die Nebenwirkungen von Histamin am Herzen, wie einen schnellen Herzschlag oder Rhythmusstörungen relevant.

Histamin ist auch ein Neurotransmitter im Gehirn und ist hier vor allen Dingen an der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus und damit der zirkadianen Rhythmik beteiligt. Histamin vermittelt im Gehirn dabei den Wachzustand. Hier wird auch klar, warum Antihistaminika, also Medikamente, die die Wirkung von Histamin am Rezeptor blockieren, müde machen.

Mastzellen – Steuerung der Ausschüttung Histamin über Rezeptoren auf Mastzellen

Wichtig ist, dass Mastzellen als der Hauptspeicherort von Histamin, selber Histaminrezeptoren haben. Diese Rezeptoren können die Mastzelle aktivieren oder je nach Rezeptor auch die Freisetzung von Histamin blockieren.

Ein weiterer wichtiger Rezeptor zur Mastzellaktivierung ist der Östrogenrezeptor. Dieser spielt wahrscheinlich bei Frauen bei Histamin-vermittelten Symptomen in Abhängigkeit vom weiblichen Zyklus eine Rolle.

Auf der anderen Seite gibt es auch weitere Rezeptoren auf der Oberfläche der Mastzellen, welche die Mastzellaktivität und damit die Freisetzung von Histamin blockieren. Hier sind vor allen Dingen die Progesteron-Rezeptoren, Beta 2-Adrenalinzeptoren und Vitamin D-Rezeptoren zu nennen.

Histamin – Abbau über Enzyme

Der Abbau von Histamin findet über die Enzyme Diaminooxidase und die Histamin-N-Methyltransferase statt. Werden diese Enzyme genetisch bedingt vermindert gebildet oder ihre Wirkung durch Nahrungsmittel blockiert, dann kann es ebenfalls zu den Symptomen des Histaminüberschusses kommen.

Aktivierung von Mastzellen – verschiedene Auslöser

Die Aktivierung von Mastzellen, und damit auch die Ausschüttung von Histamin kann neben Nahrungsmitteln auch durch andere Faktoren begünstigt werden.

  • Hitze, Kälte, plötzliche Temperaturänderungen (z.B. der Sprung ins kalte Wasser an einem heißen Sommertag)
  • körperliche Anstrengung
  • Sonnenlicht (Sonnenbank?!)
  • mechanische Irritationen, Spannung, Vibration
  • natürliche und chemisch Gerüche (z.B. Parfüms)
  • emotionaler Stress
  • physischer Stress einschl. Schmerz und Umweltfaktoren (z.B. Wetterwechsel, Umweltgifte, Pollen, Tierhaare etc.)
  • Erschöpfung
  • Nahrungsmittel und Getränke, einschl. Alkohol
  • Medikamente (z.B. Opeoide, nicht-steroidale Entzündungshemmer, Antbiotika, einige Lokalanästhetika) und Konstrastmittel
  • Gifte (z.B. Biene, Wespe, Spinnen, bestimmte Quallen und Ameisen, Schlangen, beißende Insekten, wie Fliegen, Mosquitos, Flöhe)
  • Infektionen (viral, bakteriell, Pilz)

Aufgrund der Vielzahl der Faktoren ist eine Abgrenzung einer symptomatischen Episode eines Histaminüberschusses häufig nicht immer ganz einfach. Zudem besteht häufig eine zeitliche Latenz zwischen dem auslösenden Ereignis und den Symptomen. Folglich müssen wir bei der Suche nach dem Trigger für eine symptomatische Episoden nicht nur den direkten zeitlichen Zusammenhang, z.B. Nahrungsaufnahme und Symptombeginn innerhalb von einer Stunde, sondern auch potentielle Trigger innerhalb der vorangegangenen ca. 3 Tage denken.

Fallbericht: Verdacht auf Histaminintoleranz – Brustdruck und Herzrhythmusstörungen

Fallbericht: Mastzellaktivitätssyndrom – Juckreiz beim Gehen

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


Sie möchten regelmässig informiert bleiben? Tragen Sie sich hier für unseren Newsletter ein!


Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch