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Dr. Frank-Chris Schoebel
Dr. Frank-Chris Schoebel
Dr. Frank-Chris Schoebel arbeitet seit 25 Jahren als Kardiologe in Düsseldorf und war über 16 Jahre Mitarbeiter in der Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Angiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, davon 6 Jahre als Oberarzt. Zum Profil.

Long-COVID – Atemmuskelschwäche und verringerte Apnoetoleranz meistens nicht erkannt

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Long-COVID oder eine verlängerte Erholungsphase auch nach einer anderen viralen Erkrankungen kommt häufiger vor als Sie denken. Unterschätzt wird, dass eine eingeschränkte Atemmuskelkraft und/oder eine verkürzte Atemanhaltezeit eine entscheidende Bedeutung für die Leistungseinschränkung haben. Hier erfahren Sie mehr!

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Millionen von Menschen auf der ganzen Welt haben eine mehr oder weniger schwere Coronainfektion am eigenen Leibe erlebt. Bei manchen Menschen dauern die Symptome dieser Viruserkrankung nur einige Tage. Ein erheblicher Anteil der Betroffenen leidet aber noch Monate nach der akuten Krankheitsphase an Symptomen, wie zum Beispiel Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Luftnot und Benommenheit. Dieser Verlauf, der zum Teil mit erheblichen Konsequenzen verbunden ist, nennen wir dann Long-COVID.

Eine deutlich unterschätzte Ursache für einen großen Teil der Symptome bei Long-COVID sind eine Einschränkung der Atemmuskelkraft und eine verminderte Apnoetoleranz, das heißt vereinfacht die Fähigkeit mit der Atemmuskulatur Kraft zu generieren und die Luft anzuhalten.

In der Cardiopraxis® sehen wir tagtäglich Menschen mit eingeschränkter Atemmuskelkraft und verminderter Apnoetoleranz. Meistens ist das die Folge einer falschen Atemtechnik und ein gezieltes Training führt hier innerhalb von wenigen Wochen zur Normalisierung der Leistungsfähigkeit. Solche Erfahrungen machen wir auch mit Menschen, bei denen Long-COVID diagnostiziert wurde.

Definition und Häufigkeit von Long-COVID?

Long-COVID ist charakterisiert durch ein Fortbestehen oder ein Wiederauftreten von Symptomen nach Abklingen der akuten Entzündungsphase. Kurzum, die erwartete Rekonvaleszenzphase nach einer viralen Erkrankung ist verlängert.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert von Long-COVID wie folgt:
  • „Der Post-COVID-19-Zustand tritt bei Personen mit einer wahrscheinlichen oder bestätigten SARS-CoV-2-Infektion in der Anamnese auf, in der Regel drei Monate nach dem Auftreten von COVID-19 mit Symptomen, die mindestens zwei Monate lang anhalten und nicht durch eine andere Diagnose erklärt werden können.„

In den verschiedenen klinischen Studien zu Long-COVID variieren die Zeitintervalle bei denen langfristige Symptome festgestellt wurden allerdings sehr stark. Vereinfachend können wir sagen, dass 10-20% der Menschen, die an einer Corona-Infektion mehr oder weniger schwer erkrankt waren, nach mehr als 3 Monaten noch Symptome aufweisen. Langfristige Verläufe von über 1 Jahr werden in circa 5% der ursprünglich Erkrankten berichtet.

An dieser Stelle sollten wir schon festhalten, dass solche langwierigen Verläufe nach Virusinfektionen jeder Art nicht ungewöhnlich sind. Bei anderen Viruserkrankungen, wie zum Beispiel der Virusgrippe fallen die langfristigen Symptome wird dieser Zusammenhang meistens nicht erkannt. Erst die wirklich sehr große Zahl an Coronaerkrankten hat diese Zusammenhänge jetzt deutlicher gemacht.

Symptome von Long-COVID

In einer großen US-amerikanischen Studie wurde die Häufigkeit von Symptomen nach einer Coronainfektion mehr als 2 Monaten erfasst.

  • Luftnot (ca. 40%)
  • eingeschränkte körperliche Belastbarkeit (ca. 29%)
  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Antriebsarmut (ca. 52%)
  • lageabhängige Benommenheit (ca. 21%)

 

  • Verlust des Geruchssinns (ca. 44%)
  • Gedächtnisstörungen (ca. 28%)
  • Kopfschmerzen (34%)

 

  • diffuse nicht-lageabhängige Benommenheit, sog. „brain-fog“ (ca.40%)
  • depressive Stimmung (ca. 23%)
  • ängstliche Stimmung (ca. 29%)
  • Schlafstörungen (ca. 30%)

In dieser Untersuchung lagen 3,7 Symptome pro Betroffenen vor. Frauen waren circa 35% häufiger betroffen als Männer. Auch war lag der Anteil bei Menschen >65 Jahre um circa 20% höher. Interessanterweise war das Risiko für das Auftreten eines Symptoms bei geimpften Menschen um circa 25% verringert.

Ursachen und Folgen von Symptomen nach Corona-Infektion und bei Long-COVID

Grundsätzlich müssen wir festhalten, dass die Ursachen von Long-COVID unklar sind. Wahrscheinlich lässt sich auch keine einzelne Ursache feststellen, sondern es liegt eine Kombination von mehreren Faktoren vor, zum Beispiel

  • Schädigung der Lungenstruktur
  • spezifische Störung des Zellstoffwechsels durch das Virus (Mitochondrien)
  • autoimmunologische Störung der Zellfunktion durch das Virus (zum Beispiel Auto-Antikörper gegen Rezeptoren auf Blutgefäß- und Muskelzellen)
  • Dekonditionierung des Atemmuskulatur durch körperliche Inaktivität

Luftnot nach Corona-Infektion und bei Long-COVID

Betrachten wir die typischen Symptome von Long-COVID, dann fällt auf, dass Luftnot mit circa 40% ein häufiges Symptom ist. Dabei ist Luftnot mit anderen Symptomen von Long-COVID so eng verbunden, so dass sie zu mindestens zu einem großen Teil auf die Luftnot zurückgeführt werden können. Hierzu zählen vor allen Dingen:

  • eingeschränkte körperliche Belastbarkeit
  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Antriebsarmut
  • lageabhängige Benommenheit

Die lageabhängige Benommenheit im Sitzen oder im Stehen können wir dadurch erklären, dass Körperspannung und Zwerchfellaktivität wesentlich zum venösen Rückstrom von Blut gegen die Schwerkraft beitragen. Hinzu kommt, dass das arterielle Blutgefäßsystem auf der arteriellen Seite häufig durch eine zu starke Weitstellung der Blutgefäße gekennzeichnet ist, was wiederum den Kreislauf instabil macht.

Atemmuskelschwäche und verringerte Apnoetoleranz als Ursache von Luftnot – auch ohne Infektion weit verbreitet

Grundsätzlich wird bei 30-50% Prozent aller Menschen mit Luftnot im ambulanten Versorgungsbereich die Ursache der Luftnot trotz Besuch beim Hausarzt, Lungenfacharzt und Kardiologen nicht erkannt. Auf der Grundlage unserer Erfahrungen und Messungen schätzen wir, dass bei 60-80% der Betroffenen eine unterdurchschnittliche Atemmuskelkraft und/oder verringerte Apnoetoleranz vorliegt. Diese Ursachen werden üblicherweise nicht erkannt, da Atemmuskelkraft und Apnoetoleranz sehr selten gemessen werden.

Die Ursache einer eingeschränkten Atemmuskelkraft und einer bedeutsam verringerten Apnoeintoleranz ist meistens eine flache Mund-Brustatmung anstatt einer tiefen Nasen-Zwerchfellatmung in den Bauch, das heißt Ein- und Ausatmung durch die Nase. Die flache Mund-Brustatmung hat eine muskuläre Dekonditionierung und damit eine Schwächung des Zwerchfells, eigentlich des Hauptatemmuskels zur Folge. Die mit der Mund-Brustatmung verbundene schnellere Atmung ist dann wiederum mit niedrigeren CO2-Werten im Blut verbunden, was die verringerte Apnoetoleranz erklärt.

Die Symptome von eingeschränkter Atemmuskelkraft und Apnoetoleranz sind zum Beispiel:
  • Luftnot bei leichter körperlicher Belastung (Treppensteigen)
  • Müdigkeit, geistige Erschöpfbarkeit, Konzentrationsstörungen
  • Atemnot zum Teil auch in körperlicher Ruhe
  • Luftnot bei erhöhtem Atemwiderstand (zum Beispiel Maske zum Infektionsschutz)
  • Atemnot beim Sprechen
  • Atemnot nach Kohlenhydrat-reichen Mahlzeiten (= mehr CO2 = mehr Atemarbeit)
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Ablauf der Dekonditionierung von Atemmuskulatur und Apnoetoleranz bei viralen Erkrankungen, z.B. COVID

Long-COVID – Kaskade der eingeschränkten Leistungsfähigkeit durch verringerte Lungenmuskelkraft und reduzierte Apnoetoleranz

In Bezug auf Atemmuskelkraft und Apnoetoleranz sehen wir bei Erkrankung im Allgemeinen und bei Virusinfektionen einschließlich einer Corona-Infektion im Speziellen immer wieder einen typischen Ablauf.

Reduzierte Atemmuskelkraft und verringerte Apnoetoleranz. Ausgangspunkt ist sind eine unterdurchschnittliche Atemmuskelkraft und/oder eine Atemanhaltezeit nach entspannter Ausatmung im sogenannten BOLT-Test von circa 20 Sekunden, so wie wir das bei vielen Menschen als Folge einer Mund-Brustatmung kennen.

Hygienischer Mund-Nasenschutz. Durch das Tragen eines hygienischen Mund-Nasenschutz, sei es einer einfachen Bedeckung bis hin zu einer FFP2-Maske wird der Atemwiderstand, gegen den Sie ein- und ausatmen müssen, erhöht. Zusätzlich wird die Wärmeregulierung beeinflusst, indem Sie über die Atmung weniger Wärme abgeben können. Dieses hat zur Folge, dass Sie noch mehr und schneller durch den Mund atmen: die Atemmuskelkraft durch eine Dekonditionierung des Zwerchfellmuskels und die Apnoetoleranz durch eine erhöhte Abgabe von CO2 sinken weiter.

Coronainfektion. Tritt nun eine mehr oder weniger schwere Corona-Infektion hinzu, dann wird Ihr Körper durch das Virus und die immunologischen Abwehrreaktionen weiter geschwächt. Hinzu kommt eine längere Phase der  körperlichen Inaktivität, zum Beispiel durch eine Quarantäne. All diese Faktoren verstärken die Atemmuskelschwäche und verringern die Apnoetoleranz. Sie fühlen sich schwächer und die Leistungsfähigkeit ist, wie bei den meisten Virusinfektionen eingeschränkt

Post-Infektionsphase. Normalerweise rechnen wir mit einer Erholung von einer Virusinfektion nach circa 4 Wochen. Auch bei immunologischer Erholung können die Symptome der eingeschränkten Leistungsfähigkeit nach 4 Wochen fortbestehen. Ein wesentlicher Faktor können eingeschränkte Atemmuskelkraft und Apnoetoleranz sein; nach einer Corona-Infektion nennen wir diesen Zustand dann Long-COVID.

Werden Atemmuskelkraft und Apnoetoleranz nicht gezielt trainiert oder durch Zufall verbessert, zum Beispiel durch die Wiederaufnahme von sportlicher Aktivität, dann kann diese Schwächung dauerhaft bestehen bleiben.

In dieser Phase sind Sie erheblich gefährdet, denn eine geschwächte Atemmuskulatur bedeutet ein erhöhtes Risiko für und bei Lungenentzündungen sowie bei Operationen mit Beatmungspflichtigkeit und anderen schweren Erkrankungen.

Einschränkung der Atemmuskelkraft: Risikofaktor für Lungenentzündung und Komplikationen

Eine eingeschränkte Atemmuskelkraft bedeutet ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Lungenentzündungen und für Komplikationen einer Lungenentzündung.

Das Risiko für das Auftreten einer Lungenentzündung erklärt sich dadurch, dass bei eingeschränkter Zwerchfellkraft die Zwerchfell-nahen Lungenabschnitte nicht richtig belüftet werden. Das wiederum hat einen Sekretstau und eine „Verklebung“ von Lungenbläschen zur Folge. In diesen Bereichen können sich dann leicht die Bakterien vermehren, die dann die Lungenentzündung verursachen.

Ist dann erst einmal eine bakterielle Lungenentzündung entstanden, dann wird aus dem vormals leichten luftgefüllten Lungengewebe eine schwere Masse, ähnlich einem nassen Schwamm, was wiederum die Atemarbeit der Muskulatur deutlich erhöht. Besonders wenn die Atemmuskulatur schwach ist, dann können Komplikationen auftreten, wie zum Beispiel kritische Erschöpfung der Atmung, Krankenhausaufenthalt und Beatmungspflichtigkeit auf der Intensivstation.

Wir können fast sicher sein, dass ein großer Teil der Übersterblichkeit durch Atemwegserkrankungen in den Wintermonaten durch diese Abläufe erklärbar wird. Gerade bei älteren Menschen >60 Jahre werden eingeschränkte Atemmuskelkraft und verringerte Apnoetoleranz als „Altersschwäche“ fehlinterpretiert, obwohl sie leicht korrigierbar sind.

Training von Atemmuskelkraft und Apnoetoleranz

Atemmuskelkraft und Apnoetoleranz sind leicht trainierbar. Auch bei Long-COVID sollte spätestens 4 Wochen nach den ersten Symptomen ein Therapieversuch gemacht werden.

Atemmuskeltraining. Ausgangspunkt ist das Erlernen einer reinen Nasen-Zwerchfellatmung in den Bauch, das heißt Ein- und Ausatmung nur durch die Nase in allen Alltagssituationen. Allein so trainieren Sie schon ihren Zwerchfellmuskel. Unterstützend sind gerade am Anfang Führungswiderstände beim Atmen in Ruhe und gymnastische Übungen mit Führungswiederständen und Umkehrpositionen. Optimal ist das Training mit einem apparativen Atemmuskeltrainer, der selbst die Atemmuskelkraft misst, zum Beispiel dem AiroFit Pro, was über das Feed-back fast immer zu besseren Trainingsergebnisse führt.

Apnoetraining. Ein leichtes Apnoetraining kann mit einfachen Atemanhaltemanövern in Ruhe aber auch beim Gehen einfach durchgeführt werden und sind leicht in den Alltag integrierbar. Kurz zusammengefasst gilt, sollten Sie nach einer Ausatmung die Luft so lange anhalten bis Sie den ersten Atemantrieb spüren und dann noch etwas warten bis Sie wieder einatmen.

Einschränkungen der Atemmuskelkraft und der Apnoetoleranz

  • häufige Ursache für Luftnot trotz Ausschluss von relevanten Lungen- und Herz-Kreislauferkrankungen in allen Altersgruppen
  • werden häufig nicht erkannt, da von Ärzten sehr selten gemessen
  • erklären zu einem wesentlichen Teil Symptome von Long-Covid und können leicht normalisiert werden
  • Übersterblichkeit an Atemwegs- und Lungenerkrankungen in den Wintermonaten besonders Menschen >60 Jahre zu einem relevanten Teil durch Einschränkung der Atemmuskelkraft erklärbar
  • Verbesserung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, Vorbeugung von Lungenentzündungen und Bewältigung von Erkrankungen durch Atemmuskeltraining möglich
  • Therapieversuch bei Long-Covid nach Ausschluss von Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen und bei fortbestehenden Symptomen 4 Wochen spätestens nach Symptombeginn sinnvoll
Literatur

 

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