Der weibliche Ovarialzyklus – Einfluss auf Körpertemperatur, Kreislauf und Befinden

Hormone beeinflussen Herz und Kreislauf. Folglich ist somit die Bewertung von Frauen mit einem normalen Ovarialzyklus eine besondere Herausforderung.

Während bei der Einnahme von Kontrazeptiva und in der Menopause in der Regel stabile Hormonverhältnisse herrschen, schwanken bei einem normalen Ovarialzyklus die Hormone innerhalb eines Monats erheblich. Das hat nicht nur Einfluss auf das körperliche und emotionale Befinden bei Frauen, sondern auch auf den Kreislauf.

Daher ist die Kenntnis des aktuellen Zyklusstadium bei einer Frau mit normalem weiblichem Zyklus für uns in der Cardiopraxis von besonderer Bedeutung, gerade bei den Kreislaufmessungen.

Der normale weibliche Ovulationszyklus – Steuerung durch das Gehirn

Der regelmäßige Zyklus ist die Voraussetzung für die Befruchtung einer Eizelle und somit auch einer Schwangerschaft.  Eine intakte hormonelle Regulation erfolgt auf mehreren Ebenen, im Gehirn und in den Eierstöcken.

Gehirn. Im Gehirn findet im Hypothalamus die Ausschüttung des sog. Releasinghormons GnRH (Gonadotropin Releasing Homone) statt. Dieses bewirkt dann in der Hirnanhangsdrüse, der Hypophyse sowohl die Freisetzung der beiden Hormone FSH (Follikelstimulierendes Hormon) und LH (Luteinisierendes Hormon).

Eierstöcke. In den paarig angelegten Eierstöcken, den sog. Ovarien erfolgt die Produktion der weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron. Folglich wird dann je nach Zyklusabschnitt vermehrt Östrogen durch die Signalwirkung von FSH oder Progesteron vermittelt durch LH gebildet.

Der weibliche Zyklus wird grundsätzlich in 2 Phasen eingeteilt:

  • Follikel- oder Eireifungsphase
  • Luteal- oder Gelbkörperphase

Die 1. Hälfte des weiblichen Zyklus – die Follikelphase

Der weibliche Zyklus beginnt mit dem 1. Tag der Regelblutung, der sog. Menstruation, bei der die Schleimhaut der Gebärmutter abgestoßen wird. Das Haupthormon der 1. Zyklushälfte ist Östrogen.

Zeitgleich zum Wiederaufbau der Gebärmutterschleimhaut bewirkt Östrogen die Eireifung in einem der beiden Eierstöcke. In der Folge wird mit  einem deutlichen Anstieg des Östrogenspiegels in der späten Follikelphase Eisprung, die sog. Ovulation ausgelöst. Das Eibläschen, der Follikel platzt auf und gibt die Eizelle frei, die dann vom Eierstock in den Eileiter gespült wird. Von dort aus geht der Transport dann weiter in Richtung Gebärmutter.

Ab dem Sprung in den Eileiter ist die Eizelle ist nun für 24 Stunden befruchtungsfähig.

Die 2. Hälfte des weiblichen Zyklus – die Gelkörperphase

Das Haupthormon der Gelbköperphase, der sog. Lutealphase ist das Progesteron.

Aus dem ursprünglichen Follikel entsteht im Ovar nun der Gelbkörper. Dadurch bildet das Ovar nun Progesteron und Östrogen, aber vor allem das Gelbkörperhormon Progesteron. Folglich wird der Aufbau der Gebärmutterschleimhaut intensiviert fortgesetzt. Dieses dient zur eventuellen Einnistung einer befruchteten Eizelle in die Gebärmutter.

Gleichzeitig verhindert der erhöhte Progesteronspiegel auch eine neue Eireifung im Ovar und damit auch einen Eisprung. Anders gesagt, ist die Gelbkörperphase die unfruchtbare Phase des Ovarialzyklus. Diese Hormonkonstellation ist übrigens auch das Wirkprinzip der oralen Kontrazeption, der sog. “Pille”.

Kommt es nicht zu einer Schwangerschaft, wird der Gelbkörper im Ovar abgebaut, es wird kein Progesteron mehr gebildet, die Gebärmutterschleimhaut wird abgestoßen und der Zyklus beginnt mit dem 1. Tag der Regelblutung von Neuem.

Dauer des weiblichen Zyklus und Verlauf der Basaltemperatur

Die Dauer der Follikelphase beträgt bei einer regelmäßigen Dauer des Gesamtzyklus von 28 Tagen ca. 14 Tage. Dabei kann die Follikelphase zeitlich erheblich variieren. Daher erschwert dieser Umstand die Bestimmung des Zeitpunktes der Fruchtbarkeit, sei es zur Planung einer Schwangerschaft oder auch zu einer Verhinderung derselben. Kompliziert wird die Verhinderung einer Schwangerschaft auch noch dadurch, dass die männlichen Spermien im weiblichen Körper bis zu 48h überlebensfähig sind.

Die Dauer der Gelkörperphase ist mit 12-16 Tagen sehr konstant.

Eine Abschätzung der fruchtbaren Phase erlaubt die Basaltemperaturmethode. Demgemäß wird die Basaltemperatur morgens unmittelbar mit dem Aufstehen standardisiert bestimmt. Progesteron bewirkt während des Eisprungs durch eine Sollwertverstellung im Regelkreis der Temperaturregulation nach oben einen Temperaturanstieg von 0,2 bis 0,5°C. Dieses geschieht innerhalb von 48h nach dem Eisprung.

Vor der Regelblutung fällt die Basaltemperatur dann abrupt ab. Bleibt demgegenüber die Basaltemperatur über 16 Tage nach dem Eisprung hinaus erhöht, dann ist eine Schwangerschaft wahrscheinlich.

Literatur

Mehr zu: Dr. Natalie Fleissner


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Holiday Heart Syndrom – was ist das?

Im Jahr 1978 hat Philipp Ettinger den Begriff Holiday Heart Syndrom erstmalig beschrieben. Die Grundlage dafür war die Beobachtung, dass in Urlauben beziehungsweise nach dem Wochenende bei vermehrtem Alkoholgenuss häufiger Herzrhythmusstörungen bei Patienten aufgetreten sind. Die heutige Definition des Holiday Heart Syndroms umfasst zunächst einmal allgemein alkoholinduzierte Herzrhythmusstörungen und meint hier vor allem das Vorhofflimmern. Neben dem exzessiven vorübergehenden Alkoholtrinken ist aber heute auch das regelmäßige vermehrte Alkoholtrinken Bestandteil des Syndroms.

Holiday Heart Syndrom – Wie viel ist zu viel?

Beobachtungen zeigen: Bei Männern führen mehr als 36 g Alkohol pro Tag regelmäßig, bei Frauen mehr als 24 g Alkohol regelmäßig pro Tag zu vermehrten Herzrhythmusstörungen. Zu beachten ist, dass die individuellen Grenzwerte unterschiedlich niedrig sein können. Vor allem auch deswegen, weil die Alkohol-abbauenden Enzyme unterschiedliche genetisch determinierte Aktivitäten haben können. In der Regel gelten für Frauen niedrigere Grenzwerte als für Männer. In Abgrenzung zu sonstigen Formen des Vorhofflimmerns ist es wichtig zu wissen, dass das Holiday Heart Syndrom strukturell herzgesunde Menschen umfasst. Das heißt: Wir haben keine anderweitige Erklärung einer Herzerkrankung, die für die Herzrhythmusstörungen verantwortlich ist.

Entstehung von Herzrhythmusstörungen durch Alkohol

Die genauen Ursachen der Entstehung von Herzrhythmusstörungen durch Alkohol sind noch nicht eindeutig geklärt. Im Wesentlichen werden zwei Gruppen unterschieden.

Direkte Effekte auf das Herz: Hierzu gehören toxische Effekte auf den Herzmuskel mit Zelltod, oxidativem Stress sowie Störung von elektrischen Gleichgewichten über der Zellmembran.

Indirekte Effekte: Alkohol fördert allgemein akzeptierte Risikofaktoren für das Zustandekommen von Vorhofflimmern. Insbesondere zählen hierzu:

Beobachtbare elektrische Veränderungen am Herzen durch Alkohol

Der Alkoholeinfluss am Herzen macht sich zum einen bemerkbar, indem sich die Erregungsbildung und -leitung am Herzen verändert. Im EKG können wir Verlängerungen der PQ-Zeit beziehungsweise frequenzkorrigierten QT-Zeit beobachten. Zudem lassen sich vor allem Rhythmusstörungen der Vorkammer feststellen, aber auch ventrikuläre Extrasystolen sind zu beobachten. Im Einzelnen führt Alkohol zu folgenden Herzrhythmusstörungen:

  • Sinustachykardie
  • Supraventrikuläre Extrasystolie
  • Ventrikuläre Extrasystolie
  • Vorhofflimmern

Diagnostik und Verlauf des Holiday Heart Syndroms

Die Diagnose Holiday Heart Syndrom stellt man bei Dokumentation von Herzrhythmusstörungen in Zusammenhang mit einem kurzfristig exzessiv erhöhten oder einem dauerhaft vermehrten Alkoholgenuss. Differentialdiagnostische Ursachen für das Zustandekommen der Herzrhythmusstörungen werden durch die Krankengeschichte, elektrokardiografisch und auch durch Ultraschalluntersuchungen, gegebenenfalls auch durch weiterführende Diagnostik ausgeschlossen. Wichtig ist auch für die Diagnose und den Verlauf, dass die Erkrankung unter Alkoholabstinenz reversibel ist.

Therapeutische Konsequenzen beim Holiday Heart Syndrom

Natürlich ist die therapeutische Konsequenz eine Abstinenz beziehungsweise eine Alkoholreduktion. Es ist davon auszugehen, dass leichter Alkoholgenuss wie z.B. 2 Gläser/Woche kein erhöhtes Risiko für Vorhofflimmern bedeutet. Man muss allerdings betonen, dass es individuell unterschiedliche Wirkungen und Schwellenwerte gibt.

Eine kürzlich durchgeführte wissenschaftliche  Untersuchung hat gezeigt, dass bei Menschen mit regelmäßigem Alkoholverzicht das Wiederauftreten von Vorhofflimmern innerhalb eines 6-Monatzeitraums um ca. 1 Drittel verringern kann.

Zudem unterscheiden wir die primär prophylaktische Wirkung, das heißt, wir wollen das Erstauftreten von Vorhofflimmern vermeiden. Darüber hinaus gehen wir von einer sekundär prophylaktischen Wirkung aus. Das bedeutet: Auch bei anderweitig strukturell bedingtem Vorhofflimmern beeinflusst ein reduzierter Alkoholgenuss, neben der üblichen medikamentösen und katheterablativen Therapie den klinischen Verlauf günstig.

Das Holiday Heart Syndrom ist eine wichtige Entität in unserem klinischen Alltag. Wie so häufig gilt auch hier: Die Dosis macht das Gift.

 Literatur

Mehr zu: Dr. Stefan Dierkes

 

 

 

 

 

 


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Der Fallbericht – ein wichtiger Aspekt der ärztlichen Kommunikation

Glück begünstigt den vorbereiteten Geist – Louis Pasteur

Der ärztliche Alltag ist voller spannender Geschichten. Schließlich sind sie jedenfalls sehr viel spannender, als dass was Sie sonst in Literatur und Film so mitgeteilt bekommen.

Gute Ärzte sind gute Geschichtenerzähler und hören auch gerne Geschichten. Daher werden gerade Neuigkeiten und neu Gelerntes untereinander ausgetauscht. Das ist häufig der erste Schritt dazu, dass ein vorher unbekannter Zusammenhang wissenschaftlich weiter untersucht wird.

Ebenen der wissenschaftlichen Kommunikation

Fallberichte ordnen sich in die Hierarchie der medizinischen Kommunikation ein. Folglich kennen wir verschiedene Ebenen der Kommunikation. Sie reichen vom sogenannten kollegialen Gespräch bis hin zum Buchbeitrag.

Kollegiales Gespräch. Täglich tauschen sich Ärzte mit anderen Ärzten im Gespräch aus. Dabei geht es meistens um die sogenannten Patienten und ihre medizinischen Probleme. Wir fragen bei anderen Ärzten nach und lernen von ihnen. So lernen auch andere Ärzte von uns.

Fallbericht. Ist uns bei einem Menschen, den wir betreuen, ein besonderer Zusammenhang aufgefallen, der vielleicht noch gar nicht bekannt ist, dann wird manchmal auch ein Fallbericht erstellt. Dieser wird dann in der Regel in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht.

Fallserie. Finden wir eine Häufung von Zusammenhängen bei mehreren Patienten, dann kann auch eine Fallserie veröffentlicht werden.

Vergleichende Untersuchungen. Sei es, dass eine erstmals aufgetretene Erkrankung oder ein Medikament neu untersucht wird, dann werden häufig vergleichende Untersuchungen mit einer Kontrollgruppe durchgeführt.

Gerade bei Anwendungsuntersuchungen, wie z.B. der Wirksamkeit eines neuen Medikamentes werden Probanden zufällig einer Gruppe zugeordnet (sog. Randomisierung). Häufig wird auch ein Scheinmedikament, ein sog. Placebo verwendet.

Übersichtsarbeiten. Übersichtsarbeiten fassen die Ergebnisse zu einer bestimmten Fragestellung zusammen. Folglich geben sie den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung wieder und formulieren so den medizinischen Standard.

Im weiteren Sinne gehören auch die diagnostischen und therapeutischen Leitlinien von medizinischen Fachgesellschaften zu den Übersichtsarbeiten. Sie stellen den minimalen wissenschaftlichen Konsens zu einer Fragestellung zusammen. Anders formuliert, sie geben Ärzten bei einem Krankheitsbild vor, was mindestens zu tun und nicht zu tun ist.

Buchbeitrag. Wissenschaftliche Buchbeiträge sind dem Fachpersonal, beziehungsweise auch den Medizinstudenten zugänglich. Was in Buchbeiträgen steht, entspricht in der Regel der Lehrmeinung. Problematisch ist, dass diese Beiträge z.T. häufig etabliertes älteres Wissen wiedergeben und somit nicht unbedingt auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung sind.

Glück begünstigt den vorbereiteten Geist – Louis Pasteur

Was steht eigentlich in einem medizinischen Fallbericht

Für einen Fallbericht gibt es immer einen konkreten Anlass: ein ungewöhnlicher medizinischer Zusammenhang oder eine Erstanwendung einer Maßnahme bei einem Menschen. Gerade bei Fallberichten spielt der glückliche Zufall, im englischen Serendipity genannt häufig eine entscheidende Rolle.

Häufig geht es in Fallberichten darum, dass bestimmte Symptome in Verbindung mit einer Veränderung objektiver Messwerte einher gehen. Daher sind sie gerade für Laien interessant, die nach einer Erklärung für ihre Symptome suchen. Die Autoren müssen sich daher an eine sachliche und klare Darstellung möglichst unter Berücksichtigung objektivierender Messparameter halten.

Fallbeschreibungen als Anstoß für neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Ist ein Zusammenhang erstmalig aufgetreten, dann denken wir im Fallbericht nach, ob Rückschlüsse auf Zusammenhänge bei mehreren Menschen gezogen werden können. Dieses entspricht dem sogenannten induktiven Denken. In diesem Sinne sind Fallberichte wichtig für die sogenannte Hypothesenbildung. Und es stellt sich uns die Frage, ob die Einzelergebnisse auf mehrere Menschen übertragen werden können.

Die Risiken des Fallbericht liegen im subjektiven Betrachtungswinkel des Autors bzw. der Autoren. Die Tatsache, dass z.B. zwei Ereignisse gleichzeitig auftreten, bedeutet noch nicht, dass es sich auch um einen kausalen Zusammenhang handelt. Die Autoren müssen aufpassen, dass sie nicht das sehen, was sie sehen wollen und möglichst beschreibend bleiben.

Zum Schutz vor einer Überinterpretation in einem Fallbericht gibt es bei wissenschaftlichen Zeitschriften den Review-Prozess. Hier beurteilen Fachbegutachter, in der Regel zwei, den Fallbericht und überprüfen ihn auf Genauigkeit und Sinnhaftigkeit.

Medizinische Fallberichte im Internet

Fallberichte werden in der Regel in Fachzeitschriften veröffentlicht. Das hat den Vorteil, dass die Inhalte durch ein Gutachter-Verfahren überprüft werden. Die Fallberichte werden dann in der Zeitschrift einer großen Gruppe von Fachleuten mitgeteilt. Nicht selten ist es so, dass sich dann auch andere Autoren melden, denen ähnliche Zusammenhänge aufgefallen sind.

Ein relevanter Nachteil der ausschließlichen Veröffentlichung in Fachzeitschriften ist, dass medizinische Laien nur einen begrenzten Zugang zu diesen Informationen haben. Dieser ist jetzt allerdings auch zunehmend durch das Internet gegeben. Dies hat zum Vorteil, dass Betroffene hier Hinweise auf Zusammenhänge ihrer Symptome mit möglichen Erkrankungen finden können.

Die Nachteile der Internet-Recherche durch medizinische Nicht-Fachleute sind die Laien-Interpretation und die Laien-Autorenschaft. Die Komplexität medizinischer Zusammenhänge überfordert Laien meistens, so dass Zusammenhänge nicht richtig interpretiert werden. In diesem Sinne erklärt sich diese Einschränkung schon allein aus der Subjektivität von Autorenschaft und Interpretation durch die Leser. Hinzu kommen gerade bei betroffenen kranken Menschen der Wunsch nach einer möglichst einfachen Lösung ihrer Probleme. Dieses Wunschdenken ist zwar verständlich, entspricht aber in der Qualität mehr dem Hörensagen und führt häufig in die Irre, und das mit z.T. erheblichen gesundheitlichen Konsequenzen.

Praktischer Umgang mit Fallberichten

Wir in der Cardiopraxis lesen regelmäßig Fallberichte, weil wir häufig hier Hinweise für Lösungen der Probleme in unserem täglichen Arbeitsalltag finden. Darüber hinaus sehen wir es fast als unsere Pflicht an, Fallberichte selber zu veröffentlichen, um aus unserer Sicht wichtige Zusammenhänge aufzuzeigen, so dass diese einer größeren Gruppe von Menschen zugänglich wird, was wiederum medizinisch hilfreich sein kann. Folgerichtig veröffentlichen wir in der Cardiopraxis in loser Folge vor allen Dingen in den Cardiopraxis Selbsthilfekursen unter „Fallberichte“ und „Smartphone EKG“.

Abschliessend ist für Sie im Umgang mit Fallberichten wichtig, dass Sie als medizinische Laien keine voreiligen Schlüsse im Hinblick auf Diagnosen ziehen oder gar eine Therapie unkontrolliert beginnen. Sie sollten medizinische Informationen, die Sie z.B. im Internet erhalten immer mit einer Ärztin oder einem Arzt abgleichen bevor Sie medizinische Konsequenzen ziehen.

 

Hier geht es zu den Fallberichten der Cardiopraxis

Literatur

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


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Sehstörungen bei körperlicher Belastung – Ursache Vitamin B6?! 

Wir führen in der Cardiopraxis pro Jahr mehrere tausend Belastungs-EKGs durch. Dabei stoßen wir immer wieder auf ungewöhnliche Befunde. Folgend schildern wir Ihnen 2 Fälle von Männern, die regelhaft über Sehstörungen unter und nach körperlicher Belastung berichteten.

Wo der Mangel schadet, da schadet meistens auch der Überfluss (Franz Imhaeuser)

Fallbericht 1 – Sehstörungen bei Belastung und periphere Nervenschmerzen

In einem Septembermonat stellte sich ein 50-jähriger Mann (Mann I) mit Herzstolpern und Benommenheit bei Belastung in der Cardiopraxis vor. Klinisch war er als Freizeitsportler normgewichtig (BMI 23,0 kg/m2) und in einem sehr guten Trainingszustand.

Die aktuelle kardiologische Diagnostik einschließlich EKG, Belastungs-EKG, Stress-Echokardiografie und nicht-invasiver Kreislaufmessung im Liegen und im Stehen war unauffällig. Ein auswärtig durchgeführtes Langzeit-Blutdruck Monitoring ergab einen Normalbefund, ein Langzeit-EKG zeigte bis auf vereinzelte ventrikuläre Extrasystolen, welche als medizinisch harmlos eingestuft wurden, keinen relevanten Befund.

In der Vorgeschichte war seit 3 Monaten ein polytopes neurologisches Krankheitsbild bekannt. Polytop bedeutet, dass Symptome in verschiedenen Körperregionen auftreten, ohne dass diese durch eine einzelne neurologische Läsion, wie z.B. bei der Verletzung eines peripheren Nervs, erklärt werden können. Der Mann berichtete über Sehstörungen auf beiden Augen, Sprachstörungen mit “Verhaspeln” bei mehrsilbigen Wörtern, die auch im 2. und 3. Anlauf nicht richtig ausgesprochen werden konnten, sowie über intermittierend auftretendes Taubheitsgefühl und Schmerzen der rechten oberen Körperhälfte.

Vor und nach dem Erstbesuch in der Cardiopraxis war eine umfangreiche Abklärung einschließlich fachärztlicher neurologischer, rheumatologischer und Hals-Nasen-Ohren-ärztlicher ohne richtungsweisenden Befund erfolgt. Die augenärztliche Untersuchung hatte eine beidseitige ödematöse Makuladegeneration (rechts >links) ergeben, wobei die Behandlung mit Diamox, Cortison und Magnesium zu einer Verschlechterung der Symptomatik geführt hatten.

Hervorzuheben ist, dass die neurologisch untersuchten peripheren Nervenleitgeschwindigkeiten normal waren. Das Schädel-MRT war ebenfalls komplett unauffällig, d.h. es konnten keine Veränderungen des Sehnervs und auch keine Hinweise auf entzündliche Erkrankung der Gehirnsubstanz, wie z.B. bei Multipler Sklerose festgestellt werden.

Während des Erstbesuchs in der Cardiopraxis wurde auch eine Belastungsuntersuchung durchgeführt. Bei einer mittleren Belastungsstufe gab der Mann über Sehstörungen (“verschwommenes Sehen”) auf beiden Augen an, so dass die Untersuchung abgebrochen wurde. In Rückenlage nahmen die Sehstörungen dann zu.

Fallbericht 1 – Sehstörungen bei Belastung – langsame Besserung nach Absetzen von Vitamin B6

Im weiteren Verlauf gingen die Symptome nach 15-18 Monaten zurück und waren bei einem Folgebesuch 24 Monate nach der Erstvorstellung praktisch nicht mehr vorhanden. Da wir zwischenzeitlich einen ähnlichen Fall (s.u.) betreut hatten, erfolgt nochmals eine genaue Befragung.

Der inzwischen 52-jährige Mann berichtete, dass er zur körperlichen Kräftigung 12 Monate vor der Erstmanifestation belastungsabhängigen Sehstörungen begonnen hatte durchgehend Eiweißprodukte einzunehmen, die hohe Dosen an Vitamin B6 enthielten. Dabei erreichte er Tagesdosen von 300-450% der empfohlen Bedarfsdosis für Vitamin B6. Zusätzlich führte er sich dann mit Beginn der Symptome noch eine weitere Mikronähstoffkombination mit 300% der empfohlenen Tagesdosis an Vitamin B6 zu. Auch ein weiteres Vitamin-B-Komplex Präparat nahm er in unregelmäßigen Abständen immer wieder mal ein. In Summe kam er so auf Vitamin-B6 Spitzenbelastungen von 600-750 % pro Tag, und das zusätzlich zu einer ansonsten sehr gesunden Ernährungsweise. Ca. 6 Monate nach dem Erstbesuch setzte er alle Vitamin B6-haltigen Präparate ab.

Die Symptome waren dann bei einem weiteren Besuch in einem Dezember fast komplett verschwunden. Mann I berichtete, dass die Symptomatik sich im Verlauf gebessert hatte nachdem er Vitamin B6 im Sommer des Vorjahres abgesetzt hatte. Interessanterweise gab er eine jahreszeitliche Abhängigkeit seiner Beschwerden an: im Sommer schlimmer als im Winter. Dabei war die Symptomatik im aktuellen Sommer deutlich geringer ausgeprägt gewesen als im Vorsommer. Bei der aktuellen Untersuchung wurde erstmals Vitamin B6 im Serum bestimmt, was mit 26,7 µg/l (Referenzbereich 3,6-18 µg/l) entsprechend dem 1,5-fachen des oberen Grenzwertes erhöht war.

Fallbericht 2 – Sehstörungen bei Belastung und hohe Vitamin B6-Spiegel im Blut

Ein 51-jähriger Mann (Mann II) stellte sich in einem Novembermonat mit belastungsabhängigen zentralen Sehstörungen (“punktuelle zentrale Ausfälle”) auf beiden Augen (rechts > links) vor. Mann II ist ein hochaktiver Freizeitsportler (Laufen, Kitesurfen) und normgewichtig (BMI 22,0 kg/m2). Die Beschwerden an den Augen hatten vor 3 Monaten, d.h. im August begonnen und in den letzten Wochen waren noch rechtsseitige Kopfschmerzen hinzugekommen. Mann II ist zeichnerisch versiert und hat ein Bild seiner Sehstörungen selber anfertigen können.

Die konventionelle kardiologische Untersuchung war komplett unauffällig. Die Kreislaufmessung ergab bei einer leichten Kälteempfindlichkeit eine sog. Wärmekonservierungskreislauf mit erniedrigten Blutflusswerten (71% des unteren Grenzwertes). Bei hoher Belastungsstufe im Belastungs-EKG traten die Sehstörungen wieder auf, wobei die zentrale Körpertemperatur, gemessen im Ohr von einem Ausgangswert von 36,4 0C auf 36,8 0C angestiegen war. Eine später durchgeführte passive Erwärmung (Sauna, 20 Minuten) blieb symptomfrei.

Eine weiterführende neurologische und augenärztliche Diagnostik einschl. Schädel-MRT waren komplett unauffällig. Auch die visuell evozierten Potentiale, d.h. ein Test der elektrischen Reizweiterleitung von der Netzhaut des Auges bis zur Großhirnrinde ergaben keine pathologischen Auffälligkeiten. Allerdings wurde dieser Test in vollkommener Ruhe und nicht nach körperlicher Belastung vorgenommen. Differentialdiagnostisch wurde Mann II unter dem Verdacht auf eine sog. Augenmigräne empfohlen, vor dem Laufen das Migränemittel Sumatriptan einzunehmen, was allerdings keine Besserung der Symptome unter Belastung zur Folge hatte.

Mann II hatte mittels verschiedener Nahrungsergänzungsmittel beginnenden Monate vor dem Einsetzen der Augensymptome hohe Dosen an Vitamin B6 eingenommen. Zusätzlich zu einer normalen Ernährung führte er so 265% der empfohlenen Tagesdosis an Vitamin B6 zusätzlich zu. Zum Zeitpunkt der Erstdiagnostik in der Praxis betrug der Vitamin B6 Spiegel unter fortlaufender Einnahme 39,3 µg/l (Referenzbereich 3,6-18 µg/l), d.h. das 2,2-fache vom oberen Grenzwert.

Der weitere Verlauf dieses Mannes nach Absetzen von Vitamin B6 Präparaten steht noch aus, da die Befunde relativ aktuell sind.

Sehstörungen bei Belastung – Sport und Vitamin B6

Mit der Vorstellung von Mann II zeigten sich Gemeinsamkeiten mit den Befunden von Mann I. Durch die genauere Angabe der Vitamin-B6-haltigen Nahrungsergänzungsmittel von Mann I konnte im Nachhinein auch eine zeitliche Koinzidenz zwischen der Zufuhr von Vitamin B6 und Symptomatik Mann I erkannt werden. Zusammengefasst waren folgende Übereinstimmungen zwischen beiden Fällen hervorstechend:

  • Sehstörungen bei körperlicher Belastung, d.h. bei aktiver körperlicher Erwärmung
  • Symptombeginn im Sommer, d.h. in der warmen Jahreszeit
  • Vitamin B6 Einnahme in hohen Dosen, d.h. von mindestens 250% der empfohlenen Tagesdosis über einen längeren Zeitraum
  • gut trainierte aktive Freizeitsportler, d.h. regelmäßige Belastung über die Alltagsbelastung hinaus

Schon früh wurde bei Mann I von fachneurologischer Seite der Verdacht auf ein Uhtoff-Phänomen (s.u.) geäußert. Weil allerdings die neurologische Diagnostik einschl. Schädel-MRT keine weiteren Hinweise, z.B. auf eine entzündliche Erkrankung des Gehirns ergeben hatte, wurde bei Mann I der Spontanverlauf abgewartet. Mit der Vorstellung von Mann II haben wir uns dann erneut auf die Suche nach den systematischen Zusammenhängen und Ursachen der Symptome gemacht.

Der Sehnerv – Überträger von elektrischen Signalen

Jeder gesunde Mensch hat 2 Sehnerven, für jedes Auge einen. Ein einzelner Sehnerv hat ca. 1 Millionen Nervenfasern, sog. Axone, die visuelle Reize vom Auge über elektrische Impulse an die hintere Großhirnrinde übertragen, wo sie dann zu bildlichen Informationen verarbeitet werden. Weil im Punkt des schärfsten Sehens in der Netzhaut besonders viele visuelle Rezeptoren liegen, deren Reize weitergeleitet werden müssen, wird hier eine Schädigung der nachgeschalteten Nerven besonders früh wahrgenommen.

Die einzelnen Nervenfasern eines Sehnervs sind umgeben von fetthaltigen Markscheiden, auch Myelinscheiden genannt. Sie können sich das zunächst so vorstellen, wie die Isolation an einem elektrischen Kabel. Die Markscheiden dienen in der Tat der elektrischen Isolation und dem Schutz der Nervenfaser vor Außeneinflüssen. Die Markscheiden weisen im Verlauf Lücken auf, die eine besonders schnelle elektrische Übertragung, eine sprunghafte sog. saltatorische Erregungsüberleitung erlauben.

Sehstörungen bei Belastung – Uhtoff-Phänomen

Reversible Sehstörungen bei körperlicher Belastung, die innerhalb von 24 Stunden wieder verschwinden, wurden erstmals von 1890 von Wilhelm Uhtoff bei Patienten mit Multipler Sklerose beschrieben. Folglich wird dieses Symptom daher auch Uhtoff-Phänomen genannt.

Wilhelm Uhtoff beobachtet diese Symptomatik seinerzeit bei 4% der betreuten Patienten mit Multipler Sklerose. Das setzt eine erstaunliche Beobachtungsgabe voraus, da dieses Symptom in seinem Kollektiv eher selten war und seinerzeit standardisierte Belastungstests, wie z.B. heute das Belastungs-EKG und Freizeitsport nicht üblich waren.

Während Wilhelm Uhtoff die Verbindung zwischen körperlicher Belastung und vorübergehender Sehstörung erkannte, wurde der Zusammenhang der Symptome mit einer Erhöhung der Körpertemperatur 60 Jahre später hergestellt. So wurde dann vorübergehend sogar ein Heißbade-Test als diagnostisches Kriterium die Multiple Sklerose eingesetzt.

Entsprechend sind Faktoren, die zu einem Auslöser für das Uhtoff-Phänomen bzw. dieses begünstigen können:

  • körperliche Belastung
  • emotionaler Stress
  • heißes Bad oder Dusche
  • Sonnenexposition bzw. hohe Außentemperaturen
  • weiblicher Ovulationszyklus (2. Zyklushälfte)
  • heiße Mahlzeiten
  • Fieber

Wir können folglich eine Stoffwechsel-aktive Erwärmung (z.B. körperliche Belastung) von einem weitgehend Stoffwechsel-passivem Auslösemechanismus (z.B. heißes Bad) unterscheiden. Unter theoretischen Gesichtspunkten ist der aktive Auslöser der stärkere Reiz.

Uthoff-Phänomen – Störung der elektrischen Reizweiterleitung im Sehnerv

Das Uhtoff-Phänomen wird auch bei anderen Erkrankungen des Sehnervens, die die Myelinscheide betreffen, so z.B. bei der Neuromyelitis optica beobachtet.

Als Mechanismus, welche zu den Sehstörungen führt, wird die temperaturabhängige elektrische Blockade von teilweise demyelinisierten sensorischen Nervenfasern angenommen. Dabei genügen für eine erkrankte Nervenfaser schon Temperaturunterschiede von 0,2-0,5 0C, dass sich die Nervenleitgeschwindigkeit merklich verändert.

Eine Erweiterung der sog. Ranvierschen Schnürringe als Folge des Verlustes von Markscheidenmaterial hat für Änderungen der Nervenleitgeschwindigkeit die entscheidende Bedeutung. Hierdurch wird die schnelle sog. saltatorische elektrische Erregungsüberleitung in der betroffenen Nervenfaser verlangsamt, so dass die Weiterleitung von zeitlich gleichzeitig stattfindenden visuellen Reizen auf der Netzhaut des Auges zeitlich inhomogen an das Großhirn weitergleitet wird. Da nun aus noch gesunden und kranken Nervenfasern ein Bild in der Großhirnrinde generiert wird, bleibt dieses aufgrund der unterschiedlichen Nervenleitgeschwindigkeiten lückenhaft.

Vitamin B6 und Neurotoxizität- Mangel und Toxizität durch Nahrungsergänzungsmittel

Die wasserlöslichen und neurotropen B-Vitamine haben als sog. Ko-Enzyme eine hervorgehobene Relevanz bei der Aufrechterhaltung eines gesunden Nervensystems. Von besonderer Bedeutung sind hier die Vitamine B1, B6 und B12. Von diesen Vitaminen ist seit der ersten Hälfte des vorherigen Jahrhunderts gut bekannt, dass ein Mangel schwere neurologischen Störungen zur Folge haben kann.

Bei einem schweren Mangel an Vitamin B6 tritt eine strukturelle Schädigung der Myelinscheiden als Ursache für Schäden sowohl der peripheren Nerven als auch des Gehirns auf. Die Veränderungen ähneln dabei sehr stark solchen, die wir von einer anderen demyelinisierenden Erkrankung, der Multiplen Sklerose kennen.

Im Jahr 1983 wurde allerdings auch erstmals berichtet, dass auch eine zu hohe Zufuhr von Vitamin B6 neurologische Symptome zur Folge haben kann. Zahlreiche Fälle werden seit dieser Zeit immer wieder in der Fachliteratur berichtet. In den Niederlanden alleine wurden zwischen 2014 und 2017 mehr als 50 Fälle in einem entsprechenden Register aufgenommen. Die Dunkelziffer dürfte in Anbetracht der Freiverkäuflichkeit und der zunehmenden Selbstmedikation von gesundheitsbewussten Menschen, die meinen, dass sie sich etwas Gutes tun, noch deutlich höher sein.

Vitamin B6 Paradox 

Interessanterweise ist es so, dass die neurologischen Symptome bei einem Vitamin B6 Mangel denen bei einem pathologischen Vitaminüberschuss, einer Vitamin B6 Intoxikation durch Nahrungsergänzungsmittel sehr stark ähneln. In der Wissenschaft wird dieses daher als auch “Vitamin B6 Paradox” bezeichnet. In experimentellen Untersuchungen konnte inzwischen gezeigt werden, dass eine zu hohe Konzentration von Vitamin B6 zu einer funktionellen Störung der Wirkung von Vitamin B6 zur Folge haben kann. Oder anders gesagt, ein quantitativer Überschuss an Vitamin B6 hat eine qualitative Störung der Funktion zur Folge.

Diagnose – Uhtoff-Phänomen durch Vitamin B6 Überdosierung

Bei beiden Männern mit Sehstörungen unter und nach körperlicher Belastung lag nach unseren Erkenntnissen ein Uhtoff-Phänomen vor, welches durch hohe Zufuhr von Vitamin B6 verursacht wurde.

Während bei Mann II das Uhtoff-Phänomen als monotope Störung, d.h. isoliert nur an den Augen auftrat, lagen bei Mann II polytope Symptome mit Beteiligung weiterer peripherer Nervengebiete vor. Bei beiden Männern haben wir gerade bei Mann I an eine entzündliche sog. demyelinisierende Erkrankung, d.h. an das Vorliegen einer Multiple Sklerose gedacht. In beiden Fällen konnte dieser Verdacht nicht bestätigt werden.

Mann I hatte auch eine feuchte, eine sog. ödematöse Makuladegeneration (rechts>links). Dieses kann ein Ko-Faktor bei den Sehstörungen unter Belastung sein, erklärt diese aber nicht alleine.  Dieses gilt umso mehr, da anfänglich zusätzliche neurologische periphere Nervenstörungen in Verbindung mit den belastungsabhängigen Sehstörungen vorlagen; beide Symptome verschwanden bzw. waren 12 Monate nach dem Absetzen von Vitamin B6 fast nicht mehr vorhanden. Weder bei einer Recherche bei Google noch bei PubMed finden sich Einträge zu “uhtoff” in Verbindung mit “macula degeneration” gefunden werden (Stand Januar 2020)

Heilungsverlauf nach Überdosierung von Vitamin B6 plus Sehstörungen unter Belastung

Der Heilungsverlauf nach Absetzen von Vitamin B6 Präparaten ist, wie der Fall von Mann I zeigt, langwierig, d.h. Monate bis Jahre, da Nerven und die umgebenden Markscheiden bekanntermaßen lange brauchen bis sie sich wieder regenerieren. Da eine spezifische Therapie bisher nicht bekannt ist, ist bisher die einzige Behandlungsoption das Absetzen von Vitamin B6 Präparaten und der Spontanverlauf muss abgewartet werden.

Zwar scheint die Prognose auf eine komplette Wiederherstellung der Sehfähigkeit in allen Lebenssituationen eher gut zu sein, bleibende Schäden können allerdings nicht von vorneherein ausgeschlossen werden.

Unklar, und aus unserer Sicht problematisch ist, warum Mann I auch noch Monate nach Absetzen einen erhöhten Vitamin B6-Spiegel vom 1,5-fachen des oberen Grenzwertes hatte. Wir sehen bei anderen Menschen immer wieder leicht erhöhte Vitamin B6 Spiegel, ohne dass sie Vitamin B6 in Form von Nahrungsergänzungsmittel zuführen. Grundsätzlich gilt in der wissenschaftlichen Literatur der Leitsatz, dass eine Intoxikation mit Vitamin B6 durch eine normale Ernährung nicht möglich ist; erst die zusätzliche Einnahme von Vitamin B6 in Form von Nahrungsergänzungsmitteln verursacht gesundheitliche Schäden. Wir sind uns da allerdings nicht so sicher und können hier zu mindestens eine Prädisposition annehmen.

Mögliche Ursachen sind hier:

  • bisher unbekannte genetisch bedingte Abbaustörungen von Vitamin B6
  • bisher unbekannter toxischer Faktor, der den Stoffwechsel von Vitamin B6 verändert
  • anhaltende toxische Störungen durch ursprünglich hohe Zufuhr an Vitamin B6

Sehstörungen bei Belastung durch Vitamin B6 – häufig unerkannt?!

Zwar sind neurologische Störungen, z.B. von peripheren Nervenschäden (Polyneuropathie) und Ataxie (zentral-nervös verursachte Bewegungsstörung) durch eine Überdosierung von Vitamin B6 in der Literatur seit 1983 bekannt. Sie werden auch in den deutschen Fachinformationen, der als Medikament zugelassenen Vitamin B6 Präparate genannt. Allerdings finden sich keine Hinweise auf isolierte Sehstörungen bei Belastung bei Vitamin B6 Überdosierung. In der größten Datenbank für medizinische Artikel PubMed konnten bisher keine Beiträge zu “uhtoff” in Verbindung mit “vitamin b6” gefunden werden; ebenso nicht bei einer Google Recherche (Stand Januar 2020).

Für den Zusammenhang Sehstörungen bei körperlicher Belastung durch die Einnahme von Vitamin B6 liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine hohe Dunkelziffer vor. Dieses bedeutet, dass der Zusammenhang unterdiagnostiziert oder vereinfacht gesagt, einfach nicht erkannt wird. Das liegt vor allen Dingen daran, dass die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln von den Patienten bei der ärztlichen Befragung nicht angegeben bzw. von Ärztinnen und Ärzten neben den üblichen Medikamenten nicht systematisch abgefragt werden.

Kurzum, die gesundheitliche Bedeutung und damit auch der potentielle Schaden von Nahrungsergänzungsmittel werden, wenn sie unkontrolliert eingenommen werden, sowohl von Laien als auch von Ärztinnen und Ärzten im Allgemeinen unterschätzt. Wir sind zwar nur Kardiologen, d.h. keine Spezialisten für neurologische Störungen, aber auch wir hatten bei Mann I zunächst nicht auf die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln geachtet.

Nahrungsergänzungsmittel Vitamin B6 und Sehstörungen bei Belastung – richtig handeln

Auf der Grundlage der Fallbeschreibung besteht zwar keine absolute Sicherheit für den Zusammenhang zwischen der Einnahme von Vitamin B6 als Nahrungsergänzungsmittel und Sehstörungen bei Belastung, wir sehen die Wahrscheinlichkeit allerdings als so hoch an, dass wir auf diesen Zusammenhang hinweisen.

Grundsätzlich sollten Sie Nahrungsergänzungsmittel im Allgemeinen und Vitamin B6 im Speziellen nie über einen längeren Zeitraum, d.h. mehrere Wochen in hohen Dosen einnehmen. Optimal ist eine Steuerung über die jeweiligen Konzentrationen im Blut.

Falls Sie Sehstörungen unter Belastung haben, dann sollten Sie diese Zusammenhänge mit einem Neurologen bzw. Augenarzt besprechen. Eine vollständige fachärztliche neurologische und augenärztliche Untersuchung einschl. eines CTs bzw. eines MRTs des Gehirns muss zum Ausschluss anderer Ursachen immer durchgeführt werden.

Falls Sie im Vorfeld oder begleiteten mit den Symptomen Vitamin B6 über einen längeren Zeitraum eingenommen haben, dann sollten Sie dieses mit der Ärztin bzw. dem Arzt besprechen und Vitamin B6 absetzen.

Im Fall von Sehstörungen unter Belastung in Verbindung mit Vitamin B6 kann es wahrscheinlich Monate dauern bis diese nach Absetzen verschwinden. Sollten die Symptome 3-6 Monaten ohne zusätzliche Einnahme von Vitamin B6 unverändert fortbestehen, dann muss gegebenenfalls eine erneute vollständige Diagnostik erfolgen.

Literatur

Herzlichen Dank für die neurologische Expertise an Frau Dr. V.I. Leussink und Herrn Prof. M. Siebler

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


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Langsamer Herzschlag am Morgen nach dem Aufstehen – AV-junktionaler Rhythmus bei vagaler Gegenregulation

Vorgeschichte – Übelkeit und Speichelfluss NACH dem Aufstehen

Ein 61-jähriger gesunder Mann berichtete, dass seit 2 Monaten vor allen Dingen am Morgen ca. 30-45 Minuten NACH dem Aufstehen anfallsartige Benommenheit in Verbindung mit einem langsamem starken Herzschlag auftritt. Begleitet wurden diese Episoden immer wieder von Übelkeit bis hin zu Erbrechen und von gesteigertem Speichelfluss. 

Eine auswärtige kardiologische Untersuchung einschließlich eines Langzeit-EKGs zeigt aus dortiger Sicht keine Auffälligkeiten. Die orthopädische und die neurologische Abklärung einschließlich eines MRTs des Gehirns ergaben keinen richtungsweisenden Befund. Daher riet der versierte Neurologe zur Anschaffung einer Smartwatch mit EKG-Funktion (Apple-Watch 5). 

Sinusrhythmus -Apple Watch 5 – EKG

Asymptomatischer Normalbefund

Was kann ich sehen:

  • elektrische Herzfrequenz 79 bpm
  • P-Welle gut sichtbar (grüne Punkte)
  • regelmäßige P-Wellen mit konstantem Intervall, jeder P-Welle folgt ein QRS-Komplex mit gleichem Abstand = Sinusrhythmus
  • intermittierende breit-komplexige elektrische Extraaktionen (Extrasystolen, blaue Punkte)

Diagnose durch Apple

  • Sinusrhythmus

Diagnose durch den Kardiologen

  • Sinusrhythmus mit einzelnen ventrikulären Extrasystolen

AV-junktionaler Ersatzrhythmus mit U-Welle – Apple Watch 5 – EKG

Symptomatische Episode mit langsamem Herzschlag

Was kann ich sehen:

  • elektrische Herzfrequenz 49 bpm
  • P-Welle nicht sichtbar
  • regelmäßige Zusatzwelle in der T-Welle (rosa Punkte)

Diagnose durch Apple

  • Herzfrequenz unter 50 bpm, keine Aussage zum Herzrhythmus

Diagnose durch den Kardiologen

  • AV-junktionaler Ersatzrhythmus
  • U-Welle (rosa Punkte)
  • differentialdiagnostisch AV-Block I mit langer Überleitung unwahrscheinlich, da PQ-Zeit (Abstand zwischen Zusatzwelle in der T-Welle bis zum Beginn des QRS-Komplexes) mit 800 ms extrem lang wäre bei stabiler 1:1 Überleitung

Kurzbeschreibung – AV-junktionaler Ersatzrhythmus und U-Welle

AV-junktionaler Rhythmus bedeutet rein elektrisch betrachtet, dass der AV-Knoten zwischen Vorkammer (A=Atrium) und Hauptkammer (V-Ventrikel) die Taktgeberfunktion des Herzens übernimmt. Typischwerweise ist der AV-Knotenrhythmus mit ca. 45 bpm langsamer als der Rhythmus des vorgeschalteten Sinusknotens in der rechten Vorkammer (normal 50-100 bpm).

Die Ursache für  einen AV-junktionalen Rhythmus kann ein anhaltender struktureller bzw. funktioneller vorübergehender Ausfall des Sinusknotens sein. Daher sprechen wir auch von einem Ersatzrhythmus (für den Sinusknoten). Von einer strukturellen Störung des Sinusknotens sprechen wir, wenn die Zellen des Sinusknoten  so stark verändert sind , dass dieser keinen normalen Rhythmus mehr bilden kann, z.B. als Folge einer Entzündung.

Eine funktionelle Störung des Sinusknotens  ist vorübergehend und fast ausschließlich die Folge einer sog. vagalen Reaktion. Der Nervus vagus (“Bremser”) ist im vegetativen Nervensystem der Gegenspieler des Nervus sympathikus (“Gasgeber”). Folglich ist eine vagale Reaktion gekennzeichnet durch langsamen Herzschlag, Blutdruckabfall, Übelkeit, gelegentlich auch Speichelfluss, enge Pupillen und Benommenheit bis hin zum Bewußtseinsverlust. Ausserdem ist eine vagale Reaktion auch als eine übersteuernde Gegenregulation auf eine starke Aktivierung des sympathischen Anteils des vegetativen Nervensystems möglich.

Eine U-Welle sehen wir selten. Sie kommt nicht nur bei einer sehr starken vagalen Reaktion, sondern auch bei Menschen vor, die in ihrem vegetativen Nervensystem konstitutionell eher einen sog. Vagotonus haben. Gelegentlich tritt sie auch bei niedrigen Kaliumspiegeln auf.

AV-junktionaler Ersatzrhythmus – Folge einer Dysbalance des vegetativen Nervensystems

Der AV-junktionale Ersatzrhythmus wurde bei diesem Fall übrigens ausschließlich mit dem Smartphone-EKG am “point-of-action” dokumentiert, 2 Langzeit-EKGs waren diesbezüglich unauffällig.

Folglich mussten wir uns auf die Suche nach der Ursache machen. Die konventionelle kardiologische Diagnostik mit Ruhe-EKG, Langzeit-EKG, Belastung-EKG und  Stress-Echokardiografie ergaben keinen pathologischen Befund. Kurzum, Herzmuskel- und Herzklappenfunktion waren in Ruhe und bei Belastung normal, Hinweise auf eine Durchblutungsstörung des Herzmuskels, eine sog. Koronare Herzkrankheit ergaben sich bei dem 61-jährigen Mann ebenfalls nicht.

Die Angabe, dass bei den symptomatischen Episoden ein vermehrter Speichelfluss auftrat, war ein starker Hinweis dafür, dass der AV-junktionale Ersatzrhythmus in diesem Fall ein Begleitphänomen einer vagalen Reaktion war. Also mussten wir uns als nächstes fragen, was die auslösende Ursache war und ob es möglicherweise eine Gegenregulation einer primär übersteigerten Aktivität des Nervus sympathikus war. Hierfür sprach schon einmal, dass die Ereignisse fast ausschließlich am Morgen NACH dem Aufstehen mit einer Latenz von 30-45 Minuten auftraten.

Wenn wir am Morgen aufstehen, dann muss sich unser Kreislauf nach einer entspannenden Nacht an die aufrechte Körperposition anpassen. So fließen nun im Stehen ca. 4/7 des venösen Rückstroms von der Großzehe bis zum Herz gegen die Schwerkraft bergauf. Hier schaltet sich das sympathische Nervensystem ein, so dass vermittelt durch Adrenalin und Noradrenalin ein Anstieg der Herzfrequenz und des Blutdrucks für eine ausreichende Durchblutung des Kopfes sorgen, um eine Ohnmacht zu verhindern.

Bei unserem Mann war diese Reaktion mit hoher Wahrscheinlichkeit besonders ausgeprägt. Hierfür spricht auch, dass bei einem Kreislauftest in der Cardiopraxis die Herzfrequenz vom Liegen zum Stehen um 37 bpm anstieg. Das ist für einen Mann in diesem Alter äußerst ungewöhnlich. Folglich mussten wir von einer übersteigerten Aktivität des sympathischen Nervensystems ausgehen.

AV-junktionaler Ersatzrhythmus – Nahrungsergänzungsmittel KarenzymⓇ mit Rutin als indirekte Ursache?!

Der betroffene 61-jährige Mann hatte im Vorfeld der Symptome über einen längeren Zeitraum das Nahrungsmittel KarenzymⓇ und damit eine Tagesdosis von 100 mg Rutin eingenommen. Rutin ist ein Hemmer des Enzyms Catechol-O-Methytransferase, welche entscheidend für den Abbau der Neurotransmitter Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin ist.

Daher lautete die Arbeitshypothese: Rutin bewirkt eine Abbaustörung von Dopamin, Adrenalin und Nordarenalin, was wiederum eine gesteigerte Aktivität des Nervus Sympathikus zur Folge hat und das Risiko für vagale Gegenregualtionen erhöht. In Verbindung mit einem sehr starken zusätzlichen Stimulus für den Nervus sympathikus, in diesem Fall das Aufstehen nach dem Nachtschlaf, treten gehäuft vagale Reaktionen mit den beschriebenen Symptomen und dem AV-junktionalen Ersatzrhythmus auf.

KarenzymⓇ wurde abgesetzt. Zur unmittelbaren Beseitigung wurde Reserpin (Rauwolfia Tropfen) für den verstärkten Abbau von adrenergen Neurotransmittern gegeben. Desweiteren wurde Magnesium-Bisglycinat empfohlen. Magnesium unterstützt als Kofaktor die Aktivität der Catechol-O-Methyltransferase und die Aminosäure Glycin gilt als beruhigender Neurotransmitter.

Im weiteren Verlauf traten dann nach einigen Tagen keine symptomatischen Episoden mehr auf, was als indirekter Beweis für die Hypothese gewertet werden muss.

Nahrungsergänzungsmittel – Einfluss auf das vegetative Nervensystem beachten

Nahrungsergänzungsmittel, in diesem Fall das frei verkäufliche Rutin können einen relevanten Einfluss auf das Herz-Kreislaufsystem haben. Falls Sie solche Substanzen einsetzen, dann sollten Sie neben Symptomen auf Herzfrequenz und Blutdruck achten. Wenn Sie hier relevante Veränderungen bemerken, dann sollten Sie die Substanz absetzen.

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

Mehr zu: Dr. Stefan Dierkes

 

 

 

 

 

 


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Herz und Kreislauf in der Schwangerschaft

Eine Schwangerschaft ist eine Höchstleistung für den mütterlichen Kreislauf. Nicht nur muss die Mutter, sondern auch das werdende Kind mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt werden. Dafür muss sich der Kreislauf entsprechend anpassen.

Hinzu kommt, dass das Kind im Mutterleib warmgehalten werden muss. Das erfordert eine zusätzliche Stoffwechselleistung der Mutter.

Schwangerschaft – Veränderungen der Blutmenge und der Blutzusammensetzung

Das zirkulierende Blutvolumen steigt durch eine hormonelle Aktivierung (Renin-Angiotensin-Aldosteron-System) an. Natrium und Wasser werden stärker zurückgehalten, sodass das Plasmavolumen um 30-40%, das heißt um 1-1,5 l, ansteigt. Das ist im Vergleich zur Zunahme der Blutkörperchen deutlich mehr, welche um 0,5 l steigen.

Folglich ist das Blut dünner und fließt auch schneller. Eine relative Blutarmut (Anämie) tritt ein und der Hämoglobinwert liegt zwischen 11 und 12 g/dl, was in der Schwangerschaft vollkommen normal ist. Das gesamte Blutvolumen steigt somit zwischen der 12. und 32.-36. Schwangerschaftswoche auf ein Maximum von zusätzlichen 1,5-2 l an.

Schwangerschaft – Herz und Kreislauf mit mehr Leistung

Das Herzminutenvolumen, also die Menge Blut, die das Herz pro Minute durch den Blutkreislauf pumpt, nimmt ab der 6. Schwangerschaftswoche um 25 bis sogar 50% zu. Mehrere Faktoren beeinflussen dies. Zum einen steigt die Herzfrequenz um 10-30 Schläge/min an. Weiterhin nimmt auch das Schlagvolumen, also die Menge Blut, die das Herz pro Herzschlag pumpt, um 10-35% bis auf maximal 170 ml zu. Das hat natürlich eine Größenzunahme des Herzens zur Folge, welche allerdings ebenfalls eine normale Anpassung darstellt.

Ab der 7. Schwangerschaftswoche sinkt der Blutdruck um ca. 15 mmHg, steigt aber ab der 34. Schwangerschaftswoche wieder auf den Ausgangswert an.

Beinödeme in der Schwangerschaft

Knöchelödeme treten in 80% der Schwangerschaften im letzten Trimenon, d.h in den letzten 3 Monaten vor der Geburt, auf. Ein erhöhter Filtrationsdruck in das Gewebe und die bereits angesprochene Wasserretention sind ursächlich. Darüber hinaus wächst die Gebärmutter, was die Beckenvenen abdrückt und einen erhöhten Venendruck zur Folge hat.

Neben Krampfadern treten dann Beinödeme als Flüssigkeitsansammlung im Gewebe auf. Unter anderem kann es auch zu Hämorrhoiden kommen.

Herzrasen und Benommenheit in der Schwangerschaft – Vena-cava-Kompressionssyndrom

Die Gebärmutter vergrößert sich in der Schwangerschaft und kann die untere Hohlvene, das ist die zum Herzen führende Hauptvene, abdrücken. Dadurch fließt weniger venöses Blut zurück zum Herz, es droht sich quasi leer zu pumpen.

Zum Ausgleich steigt die Herzfrequenz im Liegen deutlich an. Das Vena-cava-Kompressionssyndrom kommt meistens nur in Rückenlage beziehungsweise in Rechtsseitenlage vor. Die Symptome sind Übelkeit, Benommenheit, Herzrasen und drohende Ohnmacht. Es tritt eine sofortige Besserung bei Drehung nach links auf.

Wehen und Entbindung – eine Kreislaufbelastung

Der Geburtsvorgang ist eine zusätzliche Belastung des mütterlichen Herzens, da die Herzfrequenz und das Herzzeitvolumen deutlich zunehmen. Darüber hinaus kommt es zu einer Umverteilung von Blutvolumen aus der Gebärmutter beziehungsweise der Plazenta in den mütterlichen Kreislauf. Zur Folge hat das eine zusätzliche akute Belastung von 500 ml.

Kreislaufanpassung in der Schwangerschaft – ein normaler Vorgang

Die Kreislaufanpassung in der Schwangerschaft ist meistens harmlos. Allerdings können bestehende bisher unerkannte Erkrankungen durch eine Schwangerschaft erstmals bemerkt werden.

Mehr zu: Dr. Natalie Fleissner

 

 

 

 

 

 


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Winterblues und Winterdepression – Stimmungsschwankungen zwischen Sommer und Winter

Wer der Wissenschaft der Medizin genau nachgehen will, der muss zunächst das Geschehen in den Jahreszeiten untersuchen. (Hippokrates)

Die meisten von uns kennen Änderungen der emotionalen Stimmung und des Verhaltens in Abhängigkeit von der Jahreszeit. Der Hauptgrund für diese saisonale Veränderungen ist das verringerte Tageslicht im Winter. Folgerichtig beschreiben wir dieses Phänomen auch mit dem Oberbegriff Saisonalität. Das Spektrum reicht hier von einer leicht gedrückten Stimmung über den Winterblues bis hin zur Winterdepression. Eine Saisonalität wird in der westlichen Welt von ca. 85% der Menschen wahrgenommen. Während die meisten Menschen kaum relevante Symptome verspüren, sind Menschen mit einem Winterblues oder gar einer Winterdepression in ihren alltäglichen Aktivitäten beeinträchtigt.

Die Winterdepression und der Winterblues haben neben der Abhängigkeit vom Licht viele Gemeinsamkeiten, wie z.B. die Symptome. Beide Formen werden aber durch die Einschränkung der Alltagstauglichkeit eindeutig unterschieden. Demgegenüber sind normale Alltagsaktivitäten bei einer Winterdepression nur noch mit größter Anstrengung oder gar nicht mehr möglich.

Winterdepression – Sie können sich selber NICHT helfen

Die Winterdepression, auch saisonale affektive Störung genannt ist auf jeden Fall eine sehr ernstzunehmende Erkrankung. Zwischen 0,5 und 3 % der Bevölkerung sind davon betroffen. Frauen im gebärfähigen Alter leiden 3 mal häufiger an einer Winterdepression als Männer, wobei sich der Geschlechtsunterschied nach der Menopause ausgleicht.

Menschen mit einer Winterdepression haben eine schwere Einschränkung der Alltagstauglichkeit. Sie kommen morgens nur sehr schwer aus dem Bett. An manchen Tagen bleiben Sie auch einfach den ganzen Tag im Bett. Häufiger kommen Sie zu spät zur Arbeit und Ihnen unterlaufen Unachtsamkeiten und Fehler, die Sie sonst nicht von sich kennen. Auch zu Hause bleiben wichtige Erledigungen, wie z.B. das regelmäßige Waschen der Wäsche oder die Bezahlung von Rechnungen liegen. Im sozialen Kontakt mit Menschen reagieren Sie gereizt bis aggressiv und Sie ziehen sich in den Wintermonaten häufig aus sozialen Kontakten zurück.

Menschen mit einer Winterdepression können sich selber nicht mehr helfen und sind so gesundheitlich bis hin zur Suizidalität ernsthaft gefährdet. Folglich sollten Betroffene in diesem Fall auf jeden Fall einen Facharzt bzw. eine Fachärztin aufzusuchen, denn möglicherweise muss eine Behandlung mit Medikamenten eingeleitet werden.

Winterblues – Sie können sich selber helfen….und anderen Menschen auch

Der Winterblues wird auch saisonale depressive Verstimmung oder saisonale Dysthymie genannt. Die saisonale depressive Verstimmung kommt in Deutschland bei ca. 15-20% der Bevölkerung vor. Die Symptome sind beim einzelnen mehr oder weniger schwer ausgeprägt und können bei einzelnen Menschen von Jahr zu Jahr schwanken, z.B. nehmen sie bei einem Umzug nach Norden oder in eine dunklere Wohnung zu.

Sollten Sie vom Winterblues betroffen sein, dann sind Sie allerdings immer in der Lage Ihren Alltagsaktivitäten nachzugehen. Im Gegensatz zur Winterdepression hängt beim Winterblues die Ausprägung des Schweregrades auch von Ihrem Verhalten ab. So können Sie sich z.B. mit einer Lichttherapie sehr gut selber helfen.

Achten Sie auch bei Ihren Mitmenschen auch Zeichen des Winterblues. Möglicherweise können Sie einem Familienmitglied, einer Freundin oder einem Arbeitskollegen einen wertvollen Hinweis geben.

Winterdepression und Winterblues – Symptome im Winter 

  • Symptome beginnen im Spätherbst und verschwinden auch unbehandelt im Frühling
  • Traurigkeit, Niedergeschlagenheit
  • weniger Energie mit Antriebsarmut
  • Denkstörungen
  • gesteigerte Nahrungsaufnahme (Kohlenhydrate!), meistens mit Gewichtszunahme
  • längere Schlafdauer, erschwertes Erwachen
  • verringerter Sexualtrieb
  • sozialer Rückzug
  • typisch Verbesserung durch Lichtexposition (z.B. durch Tageslichtlampe, Skiurlaub)

Winterblues und Winterdepression – weniger Licht im Winter, der entscheidende Auslöser

Fehlendes Sonnenlicht im Winter ist der entscheidende Auslöser für die Saisonalität mit Winterblues und Winterdepression. Am Äquator herrscht Tages- und Nachtgleiche, d.h. der helle Tag ist genauso lang wie die dunkle Nacht. Je weiter wir allerdings vom Äquator entfernt leben, desto länger werden die Nächte im Winter. Am kürzesten Tag (21. Dezember) ist es in Deutschland rund 16 Stunden dunkel, am längsten Tag (21. Juni) dagegen nur etwa 8,5 Stunden. Für die USA konnte gezeigt werden, dass je weiter entfernt Menschen vom Äquator entfernt leben, desto häufiger treten Winterblues und Winterdepression auf. Die Zahlen dürften für Europa vergleichbar sein und wir können ausgehen, dass in Deutschland jeder 5. Mensch von einem der beiden saisonalen Syndrome betroffen ist.

Ein weiterer Beleg dafür, dass Licht der entscheidende Auslöser einer saisonalen Störung ist, ist die Tatsache, dass eine Lichttherapie sehr gut hilft. Das wird besonders deutlich, wenn ein Mensch mit hochsymptomatischem Winterblues im Januar in ein sonniges Skigebiet reist. Schon nach wenigen Tagen Sonnenexposition sind alle Symptome verschwunden. Allerdings stellen sich Symptome nach der Rückkehr in die winterliche Umgebung in Deutschland rasch wieder ein.

winter depression genetik

Winterblues und Winterdepression – Genetik als Ursache?

Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass möglicherweise genetische Faktoren eine Rolle bei saisonalen Störungen spielen. Sowohl Isländer, die in Island um den 65. Breitengrad leben als auch Kanadier mit isländischem Ursprung, die um dem 50. Breitengrad leben, haben eine vergleichbare und für den Breitengrad sehr niedrig Rate an Winterdepressionen. Eine genetische Ursache kann hier eine evolutive vorteilhafte Anpassung für das Leben im Norden darstellen. Die oben genannten Symptome der Saisonalität einschließlich der verringerten Bereitschaft zur Reproduktion sind für ein erfolgreiches Überleben einer Art in lichtarmen Ländern ja eher ungünstig.

Ein weiterer Hinweis darauf, dass die Empfindlichkeit für Helligkeit und Dunkelheit vererbt wird, ist die Tatsache, dass Winterblues und Winterdepression in Familien gehäuft vorkommen. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung ist das Vorkommen ähnlich wie bei Erwachsenen.

Winterblues und Winterdepression – Melatonin als Vermittler?

Eine sehr aufwändige wissenschaftliche Untersuchung hat gezeigt, dass zwischen Menschen mit Winterdepression und solchen ohne depressive Symptome im Winter ein Unterschied bei der Ausschüttung von Melatonin auftritt.

Bei Menschen mit Winterdepression ist die Dauer der Ausschüttung im Sommer signifikant kürzer als im Winter, während dieses bei gesunden Kontrollen nicht der Fall ist. Während der Zeitpunkt des Beginns der Ausschüttung von Melatonin zwischen beiden Gruppen im Sommer und im Winter vergleichbar ist, ist der Zeitpunkt der Beendigung der entscheidende Faktor. Der Beendigung der Melatoninausschüttung bei Patienten mit Winterdepression zwischen Sommer und Winter deutlich verringert: 5:15h ± 1:29h vs. 5:41h ± 1:26h (p= 0,01). Bei den Kontrollen bestand praktisch kein Unterschied zwischen Sommer und Winter.

Für Melatonin konnte gezeigt werden, dass es die Freisetzung von Dopamin im Gehirn verringert. Das wird einerseits zur Behandlung von Domamin-Vermittelten Suchterkrankungen genutzt. Andererseits ist Dopamin ein Vermittler von Emotionen wie Freude und Zufriedenheit. Folglich ist es durchaus denkbar, dass Melatonin selber die Symptome der Winterdepression bzw. des Winterblues direkt beeinflusst.

Die Bedeutung dieser Befunde sind bisher nicht klar, bestätigen allerdings die bessere Wirksamkeit einer Lichttherapie bei Winterdepression, wenn Sie am Morgen, und dann besonders früh eingesetzt wird.

 

 

 

Winterblues und Winterdepression – auch bei Kindern und Jugendlichen

Die Saisonalität bei Kindern und Jugendlichen äußert sich meistens erstmals im Schulalter und ist mit ähnlichen Symptomen wie bei Erwachsenen verbunden. Bei Kindern und Jugendlichen wird das besonders deutlich, wenn es im Winter zu einem Abfall der schulischen Leistungen kommt, was ja an den Schulnoten “objektiv” abgelesen werden kann. Wenn im jüngeren Lebensalter vor allen Dingen im Winter vermeintlich psycho-somatische Beschwerden, wie z.B. Bauch- oder Kopfschmerzen auftreten, dann sollten wir an eine saisonale Ursache denken. Auch das Bedürfnis nach Fastfood kann übermäßig gesteigert sein.

Bei Jugendlichen kommen Überlagerungen mit dem altersspezifischen Schlafmuster und der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivtäts-Störung vor. Bei Jugendlichen ist die Schlafphase so verschoben, dass sie bekanntermaßen morgens schlecht aus dem Bett kommen. Allerdings beinhaltet dieses Schlafmuster auch ein natürliches spätes Zubettgehen, was bei einer rein saisonalen Störung eher nicht der Fall ist. Im Gegensatz zu jungen Menschen mit ADHS, fallen Schüler mit einer rein saisonalen Störung in der Schule nicht durch Hyperaktivität auf und sind den Lehrern keine Last.

Zu einem besonderen Problem wird die Saisonalität, wenn die Kinder nicht mehr zu Hause leben und selbstverantwortlich einer Ausbildung nachgehen. Gerade, wenn die jungen Menschen nicht mehr durch den “Elternwecker” getaktet werden, können ernsthafte Probleme, z.B. durch den morgendlichen Verbleib im Bett entstehen. Daher ist es wichtig, wenn der Winterblues bzw. die Winterdepression im Schulalter erkannt werden, so dass Strategien zur Behandlung entwickelt werden können. Eltern, die selber an einer Saisonalität leiden, sollten hier besonders achtsam sein, ohne allerdings im Sinne der sich selbst erfüllenden Prophezeiung eine Diagnose zu stellen und das eigene Kind zu stigmatisieren. Im Zweifel sollten Sie als Eltern Ihre Gedanken mit einem Spezialisten für saisonale Erkrankungen teilen.

Winterblues – eine positive Perspektive durch Lebensstilmodifikation

Gerade der Winterblues, die saisonale depressive Verstimmung ist durch Lebensstilmodifikation gut beherrschbar. Wesentlich ist der gezielte Einsatz von Tageslichtlampen und farbigen programmierbaren Lichtquellen zur Simulation des Tageslichtes. Darüber hinaus sind die kalte Dusche am Morgen, körperliche Aktivität und Anpassung der Ernährung und Vitamin D sehr hilfreich. Frühzeitige Vorbeugung bereits im September/Oktober kann Symptome verhindern.

Bei Anzeichen einer Winterdepression sollten Sie unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

 

…..weiter im Selbsthilfekurs “Winterblues”

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


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Winterblues und Winterdepression – Wechsel von Licht und Dunkel

Als Spezies wurden wir für den Äquator entwickelt, 12 Stunden Licht und 12 Stunden Dunkelheit. Es ist also unsere eigene Schuld, wenn wir uns vom Äquator entfernt haben. Je mehr wir uns davon entfernen, desto mehr Probleme bekommen wir. (Torbjorn Akerstedt, Direktor Stockholm Stress Research Institute)

Wer sich mit dem Winterblues näher befassen will bzw. selber an einer saisonalen depressiven Verstimmung oder gar an einer Winterdepression leidet, der sollte sich mit der Evolution des Menschen und seinem Verhältnis zu Licht und Dunkelheit befassen.    

Die Wiege der Menschheit – nahe am Äquator  

Der Ursprung der Menschheit liegt in Afrika. Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung hat das erste menschenähnliches Wesen vor 7,2 Millionen Jahren in Zentralafrika im heutigen Tschad gelebt. Dieser Hominide, der Sahelanthropus tchadensis ging mit hoher Wahrscheinlichkeit schon überwiegend auf 2 Beinen und lebte nur ca. 1.300 km nördlich vom Äquator (Fundstelle TM 266).   

Sahelanthropus tchadensis und weitere Vorfahren des Homo sapiens lebten bis vor ca. 2,6 Millionen Jahren ausschließlich in Zentralafrika, bevor sie sich dann in andere Regionen Afrikas ausgebreitet haben. Das bedeutet also, dass unsere Vorfahren mindestens 4,6 Millionen Jahre durch die Region am Äquator geprägt wurden. Erst vor 65.000 Jahren begann eine Art der Gattung Homo Afrika sich über die Grenzen Afrikas hinaus auszubreiten, es war der Homo sapiens.  

Äquator – Tages- und Nachtgleiche für Licht und Dunkel das ganze Jahr  

Diese frühe Phase des menschlichen Daseins in Zentralafrika hatte alleine schon durch ihre Dauer – immerhin 2,3 Millionen x 2.000 Jahre unserer Zeitrechnung – einen entscheidenden Einfluss auf die Genetik der heutigen Menschen.   

Das gilt z.B. für das Fight-or-Flight Verhalten bei drohender Gefahr. Das für diese schnelle Reaktionsweise ursächliche Adrenalinsystem prägt noch heute unsere Emotionen im alltäglichen Leben. Obwohl wir in der Regel nicht mehr von Gefahren für Leib und Leben umgeben sind, reagieren wir auch im friedlichen sozialen Umgang häufig vollkommen unnötig reflexartig und überschießend, z.B. im Straßenverkehr.  

Der Mensch und seine Vorfahren sind tagaktive Lebewesen, d.h. sie gehen am Tag der Nahrungssuche nach und schlafen in der Nacht. Unsere Innere Uhr und damit alle unsere zirkadianen biologischen Prozesse werden durch den solaren Tag, d.h. durch den Wechsel von Tag und Nacht synchronisiert. In Bezug auf die Genetik hat die evolutive Entwicklung unserer Vorfahren über Millionen von Jahren am Äquator auch zu einer entsprechenden Programmierung unseres genetischen Codes geführt.   

Am Äquator herrscht das ganze Jahr über die sog. Tagundnachtgleiche, d.h. die Sonne geht um ca. 6:00h auf und um ca. 18:00h unter. Die Menschen dort sind also jeden Tag im Jahr sehr stabilen und ausgeglichenen Lichtverhältnissen ausgesetzt: 12 Stunden Helligkeit und 12 Stunden Dunkelheit.    

Etwas weiter nördlich vom Äquator in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, also der Region wo unsere Vorfahren herkommen, beträgt die maximale Dauer der nächtlichen Dunkelheit zur Sommersonnenwende am 21. Juni 11 Stunden 9 Minuten und zur Wintersonnenwende am 21. Dezember 12 Stunden und 25 Minuten. Die Differenz zwischen minimaler und maximaler Dunkelheit beträgt folglich 1 Stunde und 34 Minuten.     

Je weiter vom Äquator entfernt, desto größer der Stress für den Menschen

Bezogen auf die Erde gilt, je weiter wir uns vom Äquator entfernen, desto größer sind die Unterschiede für Tag und Nacht zwischen dem 21. Juni und dem 21. Dezember, der Sommer- bzw. Wintersonnenwende. Zwei Faktoren spielen für den Menschen dabei eine Rolle  

  • absolute Dauer der Dunkelheit   
  • Anpassungsdruck zwischen minimaler und maximaler Dunkelheit zwischen Juni und Dezember  

Nehmen wir als Beispiel mal die saisonalen Lichtverhältnisse in Düsseldorf, einer Stadt leicht oberhalb des 51. Breitengrades in Westeuropa. Düsseldorf liegt also 5.661 Kilometer ((51 x 111) + 28km) vom Äquator entfernt.     

Winterblues – Absolute Dunkelheit in Westeuropa

In Düsseldorf beträgt die Dauer der Dunkelheit zur Sommersonnenwende 7:25 h Stunden und zur Wintersonnenwende 16:08 h. Die minimale bzw. maximale Abweichung der Zeit, die wir der Dunkelheit ausgesetzt sind, beträgt somit abweichend von einer Licht- bzw. Dunkelphase am Äquator mit 12 Stunden am 51. Breitengrad jeweils ca. 4 Stunden.  

Alleine der hohe Anteil der nächtlichen Dunkelheit ist für das emotionale und körperliche Befinden der meisten Menschen ein relevanter Faktor für die Leistungsfähigkeit und hat entsprechende Symptome zur Folge. Durch eine zu lange Dunkelheit werden mehrere Primärtriebe des Menschen, namentlich der Bewegungstrieb und die Nahrungssuche einschränkt.   

Auf der anderen Seite ist aber auch so, dass zu viel Helligkeit im Sommer die Schlafdauer bedeutsam verkürzen kann, was ebenfalls negative gesundheitlich Folgen, wie z.B. Unruhe oder Schlafstörungen zur Folge haben kann  

Kurzum, eine zu starke Abweichung von der äquatorialen Tagundnachtgleiche ist in Bezug auf die menschliche Vorgeschichte eher als unnatürlich zu bewerten.  

Winterblues und Winterdepression – Anpassungsdruck zwischen Sommer und Winter in Westeuropa 

Betrachten wir nun für Düsseldorf den Unterschied zwischen maximaler Dunkelheit zur Sommer- und zur Wintersonnenwende, dann beträgt dieser 8 Stunden und 43 Minuten, also fast 9 Stunden.  

Im Gegensatz zu den stabilen und ausbalancierten Lichtverhältnissen am Äquator mit einem Anpassungsdruck von 0 Stunden, unterliegt die Innere Uhr des Menschen in Deutschland einem kontinuierlichem Anpassungsdruck. Synchronisiert durch Sonnenaufgang und -untergang müssen sich Ihre inneren biologischen Prozesse immer weiter umstellen. Das ist durchaus Stress. Wir können das daran ablesen, dass manche Menschen mit saisonaler Depression bzw. saisonaler Verstimmung bereits vor der Tagundnachtgleiche im September sich bereits antriebsärmer fühlen.  

 Extremer Anpassungsdruck an den Polen

Je weiter Sie vom Äquator entfernt leben, desto extremer werden die Verhältnisse.   

In Hammerfest auf dem 70. Breitengrad in Norwegen, der nördlichsten Stadt der Welt, herrscht zwischen dem 22. November und dem 21. Januar nahezu komplette Dunkelheit, die Polarnacht. Entsprechend geht die Sonne zwischen dem 19. Mai und dem 26. Juli überhaupt nicht unter. Zwischen dem 21. Januar und dem 19. Mai müssen die Hammerfester innerhalb von 118 Tagen einen Anpassungsdruck von 24 Stunden von kompletter Dunkelheit zu kompletter Helligkeit bewältigen. Dasselbe gilt natürlich auch für die Regionen nahe dem Südpol.  

  

Winterblues und Winterdepression – Abhängigkeit vom Breitengrad

In den USA ist die Saisonalität am besten untersucht. Fasst man die Winterdepression und den Winterblues zusammen, dann finden wir eine eindeutige Korrelation zwischen dem Breitengrad und der Häufigkeit der Störungen. Folglich liegt die Häufigkeit am 27. Breitengrad in Sarasota, Florida, zusammengefasst lediglich bei 4,0%, am 65. Breitengrad in Fairbanks, Alaska bei 28,3%.  

In Europa dürften die Verhältnisse ähnlich sein wie in den USA, wobei bisher hauptsächlich Menschen in den nordeuropäischen Ländern untersucht wurden. So ist die Häufigkeit von Winterblues und Winterdepression in Tromsö, Norwegen am 69. Breitengrad, mit 24,4% ähnlich hoch wie in Fairbanks, Alaska. In Deutschland beträgt die Häufigkeit von Winterblues und Winterdepression 20-25%.

Winterblues und Winterdepression – machen Sie mehr Licht

Die vorangegangen Ausführungen zeigen doch recht deutlich, warum uns Menschen das fehlende Licht gesundheitlichen Probleme bereiten kann, je weiter wir vom Äquator entfernt leben.  Dieses ist auch die biologische Grundlage für den Erfolg der Lichttherapie und überhaupt den Umgang mit Umgebungslicht bei Winterblues und Winterdepression.

 

 …..weiter im Selbsthilfekurs “Winterblues”

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


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Von Mitte Dezember bis Mitte März ist Grippesaison, die Ansteckungsgefahr ist dann besonders hoch. Übertragen werden Grippeviren über Tröpfcheninfektion (Niesen, Husten oder Sprechen) und direkten Kontakt (z.B. Händeschütteln, Türgriffe). Besonders groß ist das Risiko in großen Menschenansammlungen (z.B. in öffentlichen Verkehrsmitteln, Schulen, Einkaufsstätten).

In der Grippesaison 2017/18 wurden allein in Deutschland über 333.000 Betroffene registriert, 1.665 Menschen starben daran (87% von ihnen waren älter als 60 Jahre). Der volkswirtschaftliche Schaden durch Arbeitsausfall ist hoch.

Der beste Schutz gegen Grippe ist die jährliche Impfung (jedes Jahr neuer Impfstoff!) und eine gute Hygiene. Mit den folgenden hygienischen Maßnahmen können Sie gut vorbeugen:

  • regelmäßig Hände waschen und Hände vom Gesicht fernhalten
  • als Betroffener mindestens 2 Meter Abstand zu Mitmenschen einhalten
  • hygienisch husten = in den Ärmel husten (nicht in die Hand) = Dracula-Technik
  • bei Krankheitssymptomen auf Körperkontakt verzichten (z. B. Hand geben, umarmen)
  • geschlossene Räume regelmäßig lüften

Ein gesunder Lebensstil hilft ebenfalls: regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung und eine Trinkmenge von 30 ml pro kg Körpergewicht pro Tag.

Ein hohes Risiko für Grippeverläufe haben

  • Schwangere
  • Säuglinge und Kleinkinder
  • chronisch Kranke
  • Senioren

Besonders gegenüber diesen Risikogruppen sollte ein grippekranker Mensch Kontakt vermeiden und Hygienemaßnahmen streng beachten.

…..weiter im Selbsthilfekurs “Grippe”

Mehr zu: Dr. Natalie Fleissner

 

 

 

 

 

 


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Notaufnahmestation – medizinische Dringlichkeit entscheidet über Reihenfolge der Behandlung

Wenn Sie den Rettungsdienst unter 112 verständigen bzw. selbstständig eine Notaufnahmestation aufsuchen UND Sie sind NICHT lebensbedrohlich erkrankt, dann sollten Sie die Regeln einer Notaufnahmestation kennen.

Auf einer Notaufnahmestation geht es NICHT der Reihe nach, und das ist auch medizinisch richtig so. Das mögen Sie subjektiv als ungerecht empfinden, das ist es aber nicht. Auf der Notaufnahmestation entscheidet die medizinische Dringlichkeit darüber, welcher Mensch zu welchem Zeitpunkt behandelt wird. Die medizinische Dringlichkeit wird endverantwortlich durch eine Ärztin oder einen Arzt festgelegt. Würde ein Arzt sich z.B. zeitaufwändig um einen Mann kümmern, der lediglich ein leichtes Fieber mit Husten hat, anstatt eine Frau mit drohendem Herzinfarkt akut zu versorgen, dann ist das ärztlich falsch und kann juristische Konsequenzen zur Folge haben.

Folglich sollten Sie sich auf einer Notaufnahmestation auf lange Wartezeiten, auch auf mehrere Stunden einstellen.

Sicherlich, Sie sind innerlich angespannt, fühlen sich körperlich nicht gut, wissen nicht, wie es weiter gehen wird und würden am liebsten bald wieder nach Hause gehen. Trotzdem sollten Sie darauf verzichten, ungeduldig und unfreundlich zu sein oder gar Pflegepersonal bzw. ärztliches Personal zu beschimpfen, auch wenn der Ablauf nicht Ihren Wünschen und Vorstellungen entspricht.

Gehen Sie davon aus, dass Ihre Wartezeit auf der Notaufnahmestation medizinisch sinnvoll für die Menschen genutzt wird, die dringlicher ärztliche Hilfe benötigen als Sie, nicht selten solche, die lebensgefährlich erkrankt sind.

Gut vorbereitet auf die Notaufnahmestation – Wartezeit sinnvoll gefüllt

Gut vorbereitet sollten Sie den Weg auf die Notaufnahmestation antreten, dann ist alles nur noch halb so schlimm. Sinnvoll ist es daher, BEVOR Sie sich auf den Weg zur Notaufnahmestation machen, neben den wichtigen medizinischen Vorbefunden, eine Reisetasche mit Nachtwäsche und etwas zum Lesen und zum Trinken mitzunehmen. Bei den doch wahrscheinlich längeren Wartezeiten ist es auch sinnvoll, ein Butterbrot und Obst einzupacken. Allerdings sollten Sie das Pflegepersonal auf der Notaufnahmestation fragen, bevor Sie etwas essen, denn für Sie könnten ja noch Untersuchungen anstehen, bei denen Sie nüchtern sein müssen.

Gut vorbereitet können Sie die Zeit im Wartebereich jetzt entspannt und sinnvoll füllen, indem Sie etwas lesen, sich mit Ihren Angehörigen unterhalten (ruhig) oder indem Sie entspannende Musik über Ihr Handy hören (selbstverständlich mit Kopfhörer).

Notaufnahmestation – durch Menschen mit nicht-lebensbedrohlichen Erkrankungen überlastet 

In Deutschland werden pro Jahr ca. 52 Millionen Menschen auf Notaufnahmestationen betreut. Bei ca. 1.850 Krankenhäusern, die an der Notfallversorgung teilnehmen, bedeutet dieses pro Krankenhaus rein rechnerisch ca. 28.1 Tausend Patienten pro Jahr und entsprechend 77,0 pro Tag und 3,2 pro Stunde. Selbstredend ist die Belastung in einigen Krankenhäusern höher und das Patientenaufkommen ist zu Stoßzeiten ebenfalls deutlich höher, z.B. 8-12 Patienten pro Stunde sind keine Seltenheit.

Die meisten ambulanten Notfallbehandlungen werden werktags zwischen 18:00-20:00 h und an Wochenenden zwischen 10:00-12:00h durchgeführt. An Wochenenden steigt die Zahl der ambulanten Notfälle um 39% an.

Ärztliches Personal und Pflegekräfte auf der Notaufnahmestation betreuen ca. 52 % aller Notfallpatienten ausschließlich ambulant. Von den verbleibenden ca. 25 Millionen Fällen in den Notaufnahmen hätten weitere 43 %, d.h. 10,7 Millionen ambulant versorgt werden können. Nur ca. 10% aller Menschen, die auf eine Notaufnahmestation kommen sind lebensbedrohlich erkrankt.

Insbesondere die Zahlen zur Mehrbelastung von Notaufnahmestationen am frühen Abend und am Wochenende sowie die Tatsache, dass 52% der Menschen ohne stationäre Aufnahme wieder nach Hause gehen, zeigen, dass diese Patienten von ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzten versorgt werden können und sollten. Kurzum, eine Vielzahl dieser Probleme sind eigentlich die Aufgabe Ihres Hausarztes, sofern die Praxis geöffnet ist. Außerhalb der hausärztlichen Praxiszeiten erfolgt in Deutschland die ambulante medizinische Versorgung durch den ärztlichen Notdienst bzw. durch die Notfallpraxen.

Nicht-lebensbedrohliche Erkrankungen – Ärztlicher Notdienst unter 116117 und Notfallpraxen kontaktieren 

Bei nicht-lebensbedrohlichen Erkrankungen NICHT den Rettungsdienst unter 112 verständigen und NICHT eine Notaufnahmestation in einem Krankenhaus aufsuchen.

Zu diesen nicht-lebensbedrohlichen Erkrankungen zählen wir:

  • Brechdurchfall
  • Erkältung mit hohem Fieber
  • Bauchschmerzen akut
  • Harnwegsinfekte akut
  • Rückenschmerzen akut
  • starke Hals- und Ohrenschmerzen

Entsprechend sollten Sie bei nicht-lebensbedrohlichen Erkrankungen den Ärztlichen Notdienst unter 116117 (besser zu merken als elf6 elf7) verständigen. Folglich können Sie bereits telefonisch Ihre Symptome schildern und sollten Sie nicht transportfähig sein, dann kommt auch ein Arzt zu Ihnen ins Haus. Ansonsten können Sie bei nicht-lebensbedrohlichen Erkrankungen eine Notfallpraxis aufsuchen, die Adresse finden Sie im Internet.

Beim Ärztlichen Notdienst bzw. in den Notfallpraxen werden die Menschen in der Regel der Reihe nach behandelt.

Die Öffnungszeiten lauten:

  • Montag, Dienstag, Donnerstag: 18:00-8:00h
  • Mittwoch, Freitag 12:00-8:00h
  • Samstag, Sonntag 8:00-8:00h

Menschen mit Hör- und Sprechstörungen kontaktieren den Ärztlichen Notdienst unter der Faxnummer 0800 58 95 210 oder in Nordrhein-Westfalen unter der E-Mail gehoerlos@arztrufzentrale-nrw.de (andere Bundesländer, siehe Internet)

Lebensbedrohliche Erkrankungen – Rettungsdienst unter 112 anrufen

Bei lebensbedrohlichen Situationen gilt immer: den Notruf 112 wählen!

Zu den Hinweisen auf lebensbedrohliche Erkrankungen zählen wir:

  • starke Brustschmerzen, Herzbeschwerden
  • schwere Atemnot
  • Lähmung, Sensibilitäts- oder Sprachstörungen
  • starke, bisher unbekannte Kopfschmerzen
  • Bewusstlosigkeit, Bewusstseinstrübung
  • schwere Blutungen, Verletzungen
  • Ertrinkungs-, Stromunfälle, Vergiftungen, Verbrennungen

Folgerichtig gehen Sie bei Absetzen des Notrufes schnell und konsequent vor, wie z.B. bei einem Herzinfarkt.

Akute Beschwerden – wählen Sie den richtigen Weg, meistens ist es elf6 elf7

Aufgrund der oben genannten Ausführungen wird klar, dass bei Menschen mit akuten Symptomen meistens der Gang auf die Notaufnahme nicht nur unbequem, sondern auch aus medizinischer Sicht nicht erforderlich ist.

Sparen Sie sich folglich Weg und Wartezeit, wenn eine nicht-lebensbedrohlich Erkrankung bei Ihnen besteht. Daher verständigen Sie in solchen Fällen den Ärztlichen Notdienst unter elf6 elf7.

IKK e.V. Notfallversorgung in Zahlen

Mehr zu: Dr. Natalie Fleissner

 

 

 

 

 

 


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