Die Schlafseite in der Nacht – Blutdruck, Blutfluss und Befinden

„Wer rechts liegt, schont das Herz“ titelte die Welt am Sonntag am 1. Juli 2018 – aber so einfach ist es nicht! Denn die Belastung des Herz-Kreislaufsystems durch eine bestimmte Seitenlage ist individuell unterschiedlich.

Zu Thema „Kreislauf und Schlaflage“ werden Sie einiges im Internet finden, vieles ist davon Unsinn. Sie werden zu diesen Zusammenhängen auch wenige wissenschaftliche Daten finden. In der Cardiopraxis verfügen wir durch das Finapres-System über langjährige messtechnisch quantifizierte Erfahrung bei Kreislaufveränderungen in unterschiedlicher Körperlage. Das hat auch Konsequenzen bei der Behandlung von verschiedenen Erkrankungen. Hier haben wir gute Erfahrungen bei Schlafstörungen, sowohl bei erhöhtem als auch bei erniedrigtem Blutdruck sowie bei Herzschwäche und Herzklappenfehler gemacht.

Schlafseite – individuell unwillkürlich oder willkürlich? 

Fast alle Menschen haben eine bevorzugte Schlafseite, viele schlafen auf der rechten Körperseite, nicht wenige auf der linken Seite und manchen schlafen sogar gerne auf dem Bauch. Der Grund dafür, dass Sie eine bestimmte Schlafseite wählen ist meistens instinktiv, d.h. Sie fühlen sich auf dieser Seite innerlich am wohlsten und ruhigsten, wir nennen das die unwillkürliche Schlafseite. Haben Sie andere Gründe für die Wahl einer Seite, z.B. liegen Sie gerne zum Fenster hin oder vom Partner abgewandt, dann nennen wir das die willkürliche Schlafseite.

Schlafseite – Blutdruck, Blutfluss und Gefäßwiderstand unterschiedlich 

Der Blutdruck kann auch bei Ihnen z.B. zwischen der Rechts- und der Linksseitenlage bis zu 40 mmHg unterschiedlich sein. Diese Erkenntnisse zum Blutdruck sind durch die polysomonografischen Messungen aus der Schlafmedizin bekannt.

Was nicht bekannt ist, sind der Einfluss der Seitenlage im Liegen auf differenzierte Kreislaufparameter. In der Tat ist es so, dass Kreislaufwerte, so z.B. Blutdruck, Blutfluss und Gefäßwiderstand ebenfalls in wechselnder Seitenlage unterschiedlich sind. In der Cardiopraxis haben wir, dank der Möglichkeit zur differenzierten Kreislaufmessung mit dem Finapres-System diesbezüglich umfangreiche Erfahrungen.

Unsere Betrachtung beginnt immer mit der Bestimmung des Durchmessers der unteren Hohlvene, die sauerstoffarmes Blut zum Körper zurückführt. In der Regel ist so, dass auf der Körperseite, auf der die untere Hohlvene weiter gestellt ist, auch der Blutfluss höher und der arterielle Blutdruck bzw. der errechnete Gefäßwiderstand niedriger sind. Das Herz-Kreislaufsystem ist somit prinzipiell mehr entlastet. Wir gehen hier von einem Schutzreflex aus, der die anatomischen Strukturen, z.B. die dünne Muskulatur der Vorkammern vor Überdehnung schützt: weite Vene bedeutet erhöhte Wandspannung in der Herzvorkammer und hat zu entlastender Arterienweitstellung.

Grundsätzlich stellt dieser Zusammenhang den Normalzustand dar, auf einer Seite ist der Gefäßwiderstand immer niedriger als auf der anderen. Die am besten entlastete Seite wird häufig instinktiv als die unwillkürliche Schlafseite gewählt. In etwa 30 % der Fälle wird der Kreislauf in Linksseitenlage besser entlastet als in Rechtsseitenlage.

Kreislauf differenziert im Liegen messen

Liegen bei Ihnen Schlafstörungen bzw. Kreislaufveränderungen, wie zu niedriger oder zu hoher Blutdruck oder auch eine Herzschwäche bzw. ein Herzklappenfehler vor, dann führen wir bei Ihnen eine sog. Rotationsmessung im Liegen durch.

Wir beginnen indem wir den Durchmesser der unteren Hohlvene direkt vor dem Übergang zur rechten Vorkammer des Herzens in unterschiedlicher Seitenlage im Liegen bestimmen. Dann schließen die Messungen im arteriellen Gefäßkreislauf an. Hier leiten wir mit dem Finapres-System die differenzierten Kreislaufparameter wie Blutfluss, Gefäßwiderstand und als Maß für das neuro-vegetative Gleichgewicht die Baro-Rezeptorsensitivtität in unterschiedlicher Seitenlage ab.

Die Dauer der Untersuchung beträgt ca. 10 Minuten, die Auswertung dauert etwa 5 Minuten.

Unsere Erkenntnisse zu den Veränderungen des Kreislaufs setzen wir immer wieder bei gesundheitlichen Störungen ein.

Schlafseite in der Nacht – Schlafstörungen

Leiden Sie unter Schlafstörungen, vor allen Dingen unter Einschlafstörungen und liegen willkürlich auf der Herz-belastenden Seite, dann können wir Ihnen den praktischen Hinweis geben, die Schlafseite zu wechseln. Das hat manchmal zur Folge, dass mit Ihrem Partner die Bettseite tauschen (um weiter zu- oder abgewandt zu liegen) oder auch mal das Bett umstellen (um weiter zum Fenster oder der Tür zu liegen).

Schlafseite in der Nacht – Bluthochdruck

Wenn bei Ihnen ein erhöhter Blutdruck vorliegt, dann raten wir Ihnen in der Regel dazu auf der Niederdruck-Seite zu schlafen. Das hat nicht nur zur Folge, dass Ihr Herz besser entlastet ist, sondern kann auch zu einer Verbesserung der Blutdruckeinstellung insgesamt beitragen. Es ist nämlich so, dass beim krankhaften Bluthochdruck der Sollwert im Regelkreis der Blutdruck nach oben verstellt ist. Durch konsequentes Schlafen auf der Niederdruck-Seite kann der Sollwert nach unten normalisiert werden.

Schlafseite in der Nacht – Benommenheit, Schwindel, Ohnmacht

Gerade bei jüngeren Menschen kommt häufig die Kombination aus niedrigem Blutdruck und Benommenheit bis hin zu Ohnmachtsanfällen vor. Jüngere Menschen schlafen meistens tiefer und in Kombination mit dem Schlaf auf der Niedrigdruck-Seite, kann das Probleme zur Folge haben. Gerade diese Kombination hat zur Folge, dass der Sollwert für den Blutdruck in der Nacht auf einen zu niedrigeren Wert eingestellt wird. Das führt dann am Tag, wenn das Gehirn auch im Stehen richtig durchblutet werden muss, zu den bekannten Problemen. Wir sind dann meistens in der Lage mit einer Empfehlung zur Schlaflage gegebenenfalls auch mit unterstützenden mechanischen Maßnahmen Hilfe (Führungswiderstand bei Schlafen) zu leisten.

Schlafseite in der Nacht – Herzschwäche und Herzklappenfehler

Selbstverständlich ist dieser Ansatz zur richtigen Entlastung des Herzens im Schlaf auch von Bedeutung für Menschen mit Herzschwäche bzw. mit Herzklappenfehlern. Wenn das Herz im Schlaf lediglich gegen einen niedrig-normalen arteriellen anstatt einen hohen Gefäßwiderstand anpumpen muss, dann ist es besser entlastet und kann sich besser erholen.

Bei der Aortenklappenstenose, dem häufigsten Herzklappenfehler muss der linke Herzmuskel schon alleine durch die verengte Klappe gegen einen erhöhten Widerstand angepumpt werden. In der Nacht sollte daher gerade hier eine zusätzliche Belastung durch Schlaf auf der Hochdruck-Seite vermieden werden.

Gerade wenn die Aortenklappeninsuffizienz  und/oder der Mitralklappeninsuffizienz, dann wenn als eine Klappe undicht ist, sollte der nachgeschaltete Gefäßwiderstand niedrig sein, so dass bei undichter Klappe möglichst wenig Blut in die linke Haupt- bzw. Vorkammer zurückfließt. Das entlastet im Schlaf nicht nur das Herz, sondern auch die Lunge.

Empfehlung zur richtigen Schlaflage – individuell nur mit differenzierenden Messungen

Wir haben Ihnen in den vorangehenden Ausführungen das normale Kreislaufverhalten bei unterschiedlicher Seitenlage geschildert. Von diesem Normalzustand gibt es allerdings einige Ausnahmen. Wir sehen diese immer wieder bei Menschen mit niedrigem Blutdruck und Benommenheit, bei Bluthochdruck, bei Herzschwäche. Auch der Einsatz von Herz-Kreislaufmedikamenten verändert das Kreislaufverhalten im Liegen.

Wir raten daher von der alleinigen Messung des Blutdrucks als Maß für die Entlastung des Herz-Kreislaufsystems ab. Dieses Vorgehen kann Fehldiagnosen und Falschbehandlungen zur Folge haben. Ein vollständige Kreislaufmessung ist gerade bei Veränderungen im Liegen immer die Voraussetzung für richtiges Handeln.