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Dr. Frank-Chris Schoebel
Dr. Frank-Chris Schoebel arbeitet seit 25 Jahren als Kardiologe in Düsseldorf und war über 16 Jahre Mitarbeiter in der Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Angiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, davon 6 Jahre als Oberarzt. Zum Profil.

Johanniskraut kann bei Depressionen helfen – Wechselwirkungen mit Medikamenten unbedingt beachten!

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Johanniskraut ist eine Pflanze, die seit Jahrhunderten als natürliches Heilmittel bei depressiven Verstimmungen eingesetzt wird. In den letzten Jahren hat die Verwendung von Johanniskrautpräparaten stark zugenommen.

johanniskraut hilft gegen depression

Allerdings sollten Sie bei der Einnahme von Johanniskraut einige wichtige Punkte beachten, insbesondere wenn Sie gleichzeitig andere Medikamente einnehmen. Die Experten der Cardiopraxis® informieren Sie in diesem Artikel ausführlich über die Wirksamkeit, mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Johanniskraut.

Johanniskraut als Heilmittel

Vorkommen und Blütezeit von Johanniskraut

Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist eine mehrjährige krautige Pflanze, die in Europa, Asien und Nordafrika heimisch ist. Sie wächst bevorzugt an sonnigen Standorten wie Wiesen, Wegrändern und lichten Wäldern. Die Blütezeit von Johanniskraut liegt zwischen Juni und August, wobei die Hauptblüte meist um den Johannistag (24. Juni) herum stattfindet – daher auch der Name „Johanniskraut“.

Traditionelle Verwendung von Johanniskraut

Johanniskraut wird bereits seit der Antike als Heilpflanze geschätzt. Im Mittelalter wurde es zur Behandlung von Wunden, Verbrennungen und Hauterkrankungen eingesetzt. Ab dem 16. Jahrhundert empfahlen Kräuterkundige wie Paracelsus Johanniskraut auch bei melancholischen Verstimmungen. Seit den 1990er Jahren erlebt Johanniskraut eine Renaissance als pflanzliches Antidepressivum.

Medizinisch genutzte Pflanzenteile von Johanniskraut

Für die Herstellung von Johanniskrautpräparaten werden die oberirdischen Teile der Pflanze verwendet, insbesondere die Blüten und Blätter. Die wichtigsten Wirkstoffe sind Hypericin, Hyperforin und Flavonoide, die sowohl in den Blüten als auch in den Blättern vorkommen. Für eine optimale Wirksamkeit sollten standardisierte Extrakte mit einem definierten Gehalt an diesen Inhaltsstoffen verwendet werden.

Johanniskrautpräparate als Nahrungsergänzungsmittel

Benötige ich für Johanniskraut ein Rezept?

In Deutschland sind Johanniskrautpräparate bis zu einer bestimmten Dosierung frei verkäuflich und gelten als Nahrungsergänzungsmittel. Höher dosierte Präparate unterliegen der Verschreibungspflicht und müssen vom Arzt verordnet werden. In einigen Ländern wie Irland sind Johanniskrautprodukte generell rezeptpflichtig.

Wie hoch sind die Umsatzzahlen von Johanniskrautpräparaten?

Der Umsatz mit Johanniskrautpräparaten ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Allein in Deutschland wurden im Jahr 2020 rund 50 Millionen Euro mit rezeptfreien Johanniskrautprodukten umgesetzt. Hinzu kommen noch die Umsätze mit verschreibungspflichtigen Präparaten. Weltweit wird der Markt für Johanniskrautprodukte auf über 500 Millionen US-Dollar geschätzt.

Wirksamkeit von Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren Depressionen

Gibt es wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit von Johanniskraut bei Depressionen?

Die Wirksamkeit von Johanniskrautextrakten bei leichten bis mittelschweren Depressionen ist durch zahlreiche klinische Studien belegt. Eine Metaanalyse von 29 Studien mit insgesamt 5.489 Patienten kam zu dem Ergebnis, dass Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren Depressionen ähnlich wirksam ist wie synthetische Antidepressiva, aber weniger Nebenwirkungen aufweist. Allerdings ist die Wirksamkeit bei schweren Depressionen nicht ausreichend belegt.

Welche Wirkstoffe erklären die Wirksamkeit von Johanniskraut bei Depressionen?

Johanniskraut enthält verschiedene Wirkstoffe, die auf unterschiedliche Weise zur antidepressiven Wirkung beitragen. Hyperforin hemmt die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin im Gehirn und erhöht dadurch deren Verfügbarkeit im synaptischen Spalt. Hypericin und Flavonoide wirken entzündungshemmend und neuroprotektiv. Insgesamt führt dies zu einer Verbesserung der Stimmung und einer Reduktion depressiver Symptome.

Dosierung und Anwendung von Johanniskraut bei leichter- bis mittelschwerer Depression

Bei der Behandlung von leichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen mit Johanniskraut ist es wichtig, auf eine ausreichend hohe Dosierung und Qualität des Präparats zu achten. Empfohlen werden standardisierte Extrakte mit einem Hyperforingehalt von 3-5% oder einem Gesamthypericin-Gehalt von 0,3%.

Die übliche Dosierung liegt bei 500-1000 mg Johanniskrautextrakt pro Tag, aufgeteilt auf 1-3 Einzeldosen. Die Einnahme sollte über einen Zeitraum von mindestens 4-6 Wochen erfolgen, um eine ausreichende Wirksamkeit zu erzielen. Bei Bedarf kann die Behandlung auch über einen längeren Zeitraum fortgesetzt werden.

Nebenwirkungen von Johanniskraut bei alleiniger Einnahme

Johanniskraut gilt allgemein als gut verträglich, dennoch können bei der Einnahme Nebenwirkungen auftreten. Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen zählen:

  • Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall (bei ca. 2-3% der Anwender)
  • Müdigkeit, Unruhe und Schlafstörungen (ca. 1-2%)
  • Allergische Reaktionen wie Hautausschlag und Juckreiz (selten, <1%)
  • Erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut (ca. 1-3%)

In den meisten Fällen sind die Nebenwirkungen leicht und vorübergehend. Bei anhaltenden oder schwerwiegenden Beschwerden sollten Sie einen Arzt aufsuchen.

Phototoxizität – eine gefürchtete Nebenwirkung von Johanniskraut

Eine besondere Nebenwirkung von Johanniskraut ist die sogenannte Phototoxizität. Darunter versteht man eine erhöhte Empfindlichkeit der Haut gegenüber Sonnenlicht und UV-Strahlung. Die in Johanniskraut enthaltenen Wirkstoffe Hypericin und Pseudohypericin können sich in der Haut anreichern und bei Lichtexposition zu Rötungen, Juckreiz und Blasenbildung führen.

Die Häufigkeit phototoxischer Reaktionen unter Johanniskraut wird auf 1-3% geschätzt. Besonders gefährdet sind hellhäutige Personen und solche, die hohe Dosen einnehmen. Um das Risiko zu minimieren, sollten Sie während der Einnahme von Johanniskraut direkte Sonnenbestrahlung und Solarienbesuche meiden. Tragen Sie in der Sonne schützende Kleidung und verwenden Sie Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor.

Wechselwirkungen von Johanniskraut mit anderen Medikamenten

Ein besonderer Umstand, weshalb Johanniskraut eine hohe Bedeutung hat, ist, dass bei Johanniskraut die Kombination aus einem populären freiverkäuflichen Nahrungsergänzungsmittel und einer starken Wechselwirkung mit Medikamenten über das Cytochromsystem vorliegt.

Bedeutung des Cytochromsystems für den Medikamentenstoffwechsel

Viele Medikamente werden in der Leber durch spezielle Enzyme, die sogenannten Cytochrom-P450-Enzyme, abgebaut. Diese Enzyme spielen eine wichtige Rolle bei der Entgiftung und Ausscheidung von Arzneistoffen. Johanniskraut kann die Aktivität einiger dieser Enzyme beeinflussen und dadurch den Abbau bestimmter Medikamente beschleunigen oder verlangsamen.

Fallbericht – Mehr Vorhofflimmern durch Johanniskraut

Ein uns gut bekannter 60-jähriger Patient stellte sich mit einer deutlichen Zunahme seiner Vorhofflimmer-Episoden in unserer Praxis vor.  Normalerweise hatte er unter der Therapie mit dem Betablocker Bisoprolol (10mg/Tag) nur 0-2 symptomatische Episoden in 6 Monaten. Aktuell berichtete er jedoch von 5-10 Anfällen pro Woche.

Bei der Anamnese gab der Patient an, dass er seit einigen Wochen wegen depressiver Verstimmungen ein rezeptfreies Johanniskraut-Präparat einnimmt.  

Wir haben den Patienten darüber aufgeklärt, dass Johanniskraut dafür bekannt ist, dass es den Abbau vieler Medikamente, darunter auch Betablocker, in der Leber beschleunigt. Dadurch ist bei ihm der Blutspiegel von Bisoprolol gesunken, was zu einer Häufung von Vorhofflimmerepisoden geführt hat. Wir rieten dem Patienten, das Johanniskraut-Präparat abzusetzen. Innerhalb kurzer Zeit reduzierten sich die Vorhofflimmer-Episoden wieder auf die vorherige Häufigkeit von 0-2 in 6 Monaten. 

Dieser Fall unterstreicht, wie wichtig es ist, auch bei rezeptfreien Präparaten wie Johanniskraut mögliche Wechselwirkungen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten zu beachten.

Wirkung von Johanniskraut auf Cytochrom-P450-Enzyme

Johanniskraut ist ein starker Induktor des Enzyms CYP3A4, das heißt, es stimuliert die Bildung dieses Enzyms in der Leber. Das wiederum beschleunigt den Stoffwechsel zahlreicher Medikamente und verringert somit deren Wirkung.

CYP3A4 ist für den Abbau von schätzungsweise 50% aller Medikamente verantwortlich, darunter viele Herz-Kreislauf-Medikamente wie:

  • Gerinnungshemmer (z.B. Apixaban)
  • Betablocker (z.B. Metoprolol, Carvedilol)
  • Kalziumantagonisten (z.B. Nifedipin, Amlodipin)
  • Statine (z.B. Simvastatin, Atorvastatin)
  • Antiarrhythmika (z.B. Amiodaron, Dronedaron)

Durch die Induktion von CYP3A4 kann Johanniskraut den Abbau dieser Medikamente beschleunigen und ihre Wirksamkeit verringern. In einigen Fällen kann dies zu einem Wiederauftreten oder einer Verschlechterung der behandelten Erkrankung führen.

Neben CYP3A4 beeinflusst Johanniskraut auch andere Cytochrom-P450-Enzyme wie CYP2C9 und CYP2C19, die ebenfalls am Abbau vieler Medikamente beteiligt sind. Auch hier kann es zu Wechselwirkungen und einer verminderten Wirksamkeit der betroffenen Arzneimittel kommen.

Besonders problematisch sind Wechselwirkungen mit Medikamenten, die eine geringe therapeutische Breite haben, das heißt, bei denen schon kleine Veränderungen der Wirkstoffkonzentration im Blut zu Wirkungsverlusten oder Nebenwirkungen führen können. Dazu gehören beispielsweise orale Kontrazeptiva („Pille“). Johanniskraut kann die empfängnisverhütende Wirkung der Pille herabsetzen und das Risiko ungewollter Schwangerschaften erhöhen.

Empfehlungen zur Einnahme von Johanniskrautpräparaten

Abklärung der Diagnose und Therapie mit dem Arzt

Wenn Sie unter depressiven Verstimmungen leiden und die Einnahme von Johanniskraut in Erwägung ziehen, sollten Sie zunächst mit Ihrem Arzt sprechen. Nur ein Arzt kann beurteilen, ob es sich um eine leichte, mittelschwere oder schwere Depression handelt und welche Behandlung am besten geeignet ist.

Optimal ist der Einsatz von Johanniskrautpräparaten bei depressiver Verstimmung im Winter, dem sogenannten Winterblues, da das Risiko für eine phototoxische Nebenwirkung in unseren Breitengraden und auf einer Höhe von <1.000 über Normalnull praktisch nicht vorhanden ist.

Bei schweren Depressionen ist Johanniskraut meist nicht ausreichend wirksam und es können zusätzliche Maßnahmen wie eine Psychotherapie oder die Verordnung von Antidepressiva erforderlich sein.

Bei Einnahme von Johanniskraut Wechselwirkungen mit Medikamenten abklären

Informieren Sie Ihren Arzt unbedingt über alle Medikamente, die Sie einnehmen, bevor Sie mit der Einnahme von Johanniskraut beginnen. Ihr Arzt kann dann mögliche Wechselwirkungen überprüfen und gegebenenfalls die Dosierung anpassen oder auf alternative Präparate ausweichen.

Eine umfangreiche Liste mit Medikamenten, die von Johanniskraut beeinflusst werden können, finden Sie zum Beispiel in der englischen Wikipedia unter den jeweiligen Cytochromen und suchen Sie nach Ihren Medikamenten, die unter „Substrate“ angegeben werden. Dazu gehören neben den bereits genannten Herz-Kreislauf-Medikamenten unter anderem auch Immunsuppressiva, HIV-Medikamente, Antiepileptika und Zytostatika.

Johanniskraut: Wirkung, Nebenwirkung und Wechselwirkung – Zusammenfassung

Johanniskraut ist ein pflanzliches Heilmittel, das bei leichten bis mittelschweren Depressionen wirksam sein kann. Aufgrund der zahlreichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sollte es jedoch nur nach Rücksprache mit einem Arzt und unter Berücksichtigung möglicher Risiken eingenommen werden.

Besondere Vorsicht ist geboten bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten, die über das Cytochrom-P450-System abgebaut werden, sowie bei Neigung zu phototoxischen Reaktionen. Bei Auftreten von Nebenwirkungen oder ausbleibender Besserung der Beschwerden sollten Sie Ihren Arzt informieren.

Literatur

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