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Dr. Frank-Chris Schoebel
Dr. Frank-Chris Schoebel arbeitet seit 25 Jahren als Kardiologe in Düsseldorf und war über 16 Jahre Mitarbeiter in der Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Angiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, davon 6 Jahre als Oberarzt. Zum Profil.

Anti-entzündliche Therapie nach einem Herzinfarkt – Wann ist die niedrig-dosierte Behandlung mit Colchicin sinnvoll?

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Nach einem Herzinfarkt spielen Entzündungsprozesse eine zentrale Rolle für Komplikationen und Folgeschäden. Das entzündungshemmende Medikament Colchicin kann das Risiko für erneute kardiovaskuläre Ereignisse deutlich senken. Erfahren Sie, für welche Patienten eine niedrig dosierte Behandlung mit Colchicin nach Herzinfarkt sinnvoll ist und was die Studienlage dazu sagt.

colchicin verringert risiko nach herzinfarkt

Der Herzinfarkt ist eine der häufigsten Todesursachen weltweit. In Deutschland erleiden jährlich etwa 300.000 Menschen einen Herzinfarkt, wobei rund 50.000 daran versterben. Ein Herzinfarkt hat nicht nur akute, sondern auch chronische Folgen. Zu den akuten Komplikationen zählen lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen und der kardiogener Schock. Langfristig kann sich nach einem Herzinfarkt eine Herzinsuffizienz entwickeln, die mit einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität und Leistungsfähigkeit einhergeht.

Das oberste Ziel der Behandlung eines Herzinfarktes ist die schnellstmögliche Wiedereröffnung des verschlossenen Herzkranzgefäßes, um die Größe des Narbenareals zu begrenzen. Dadurch lässt sich das langfristige Risiko von Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen verringern. Ein weiteres wichtiges Ziel ist es, eine erneute Verengung des wiedereröffneten Herzkranzgefäßes zu verhindern.

Hier kommt Colchicin ins Spiel – ein altbekanntes Medikament, das den Abheilungsprozess nach einem Herzinfarkt und einer Katheter-gestützten Wiedereröffnung eines Infarktgefäßes günstig beeinflussen kann.

Doch was genau ist Colchicin und wie wirkt es? Welche Rolle spielen entzündliche Mechanismen nach einem Herzinfarkt überhaupt? Und was sagt die Studienlage zur Wirksamkeit von Colchicin nach einem Herzinfarkt? All diese Fragen wollen wir im Folgenden für Sie beantworten!

Welche Bedeutung haben entzündliche Mechanismen nach einem Herzinfarkt?

Entzündliche Prozesse spielen eine zentrale Rolle bei den Folgen eines Herzinfarktes. Sie sind maßgeblich an der Entstehung von akuten mechanischen Komplikationen beteiligt. Dazu zählt beispielsweise die Ruptur der Herzwand, die zu einem lebensbedrohlichen Blutaustritt in den Herzbeutel führen kann.

Auch die Bildung eines linksventrikulären Aneurysmas und eines linksventrikulären Thrombus wird durch Entzündungsprozesse begünstigt. Ein Aneurysma ist eine Ausstülpung der Herzwand, die sich nach einem Herzinfarkt entwickeln kann. Ein Thrombus ist ein Blutgerinnsel, das sich in der Herzkammer bilden und zu einem Schlaganfall führen kann.

Entzündliche Mechanismen tragen zudem wesentlich zum sogenannten Remodelling bei – einem Umbau des Herzmuskels, der langfristig in einer Herzinsuffizienz münden kann. Dabei kommt es zu einer Vergrößerung und Ausdünnung des linken Ventrikels, was mit einer Verschlechterung der Pumpfunktion einhergeht.

Nicht zuletzt sind Entzündungsprozesse auch an der Restenose nach einer Ballondilatation oder Stentimplantation beteiligt. Dabei verengt sich das zuvor erweiterte Herzkranzgefäß erneut durch narbige Gewebsneubildung.

Was ist Colchicin und wie wirkt es auf Entzündungen?

Colchicin ist ein Wirkstoff, der aus der Herbstzeitlose gewonnen wird. Schon seit der Antike ist Colchicin als Mittel gegen Entzündungen bekannt und wird traditionell zur Behandlung von Gichtanfällen eingesetzt.

Die anti-entzündliche Wirkung von Colchicin beruht auf verschiedenen Mechanismen. Zum einen hemmt Colchicin die Bildung und Freisetzung von entzündungsfördernden Botenstoffen wie Interleukin-1β. Zum anderen verhindert es die Einwanderung von Entzündungszellen in das betroffene Gewebe.

In der Medizin wird Colchicin erfolgreich zur Behandlung verschiedener entzündlicher Erkrankungen eingesetzt, darunter:

  • Gicht
  • Familiäres Mittelmeerfieber
  • Perikarditis
  • Morbus Behçet

Klinische Wirkung von Colchicin auf den Herzmuskel nach einem Herzinfarkt

Mehrere Studien haben in den letzten Jahren die Wirksamkeit von Colchicin nach einem Herzinfarkt untersucht und vielversprechende Ergebnisse geliefert.

Eine der bedeutendsten Untersuchungen war die COLCOT-Studie, in der Patienten nach einem akuten Herzinfarkt entweder Colchicin oder ein Placebo erhielten. Die Ergebnisse zeigten, dass unter der Behandlung mit Colchicin kardiovaskuläre Ereignisse wie Tod, erneuter Herzinfarkt oder Schlaganfall signifikant seltener auftraten als in der Placebo-Gruppe (5,5% vs. 7,1% nach einem medianen Follow-up von 22,6 Monaten). Diese Resultate unterstreichen das Potenzial von Colchicin, die Prognose von Herzinfarktpatienten langfristig zu verbessern.

Besonders beeindruckend war in der COLCOT-Studie die Risikoreduktion für das Auftreten eines Schlaganfalls. Hier zeigte sich unter der Therapie mit Colchicin eine relative Risikoreduktion von bemerkenswerten 74% im Vergleich zu Placebo. Dieser Effekt ist von großer klinischer Relevanz, da Schlaganfälle zu den gefürchteten Komplikationen nach einem Herzinfarkt zählen und mit einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität und Prognose einhergehen können. Die deutliche Reduktion des Schlaganfallrisikos durch Colchicin eröffnet somit neue Möglichkeiten, die Langzeitfolgen eines Herzinfarktes zu minimieren.

Neben der COLCOT-Studie lieferte auch die LoDoCo2-Studie wichtige Erkenntnisse zur Wirksamkeit von Colchicin bei Patienten mit chronischer koronarer Herzkrankheit. In dieser Untersuchung führte die Behandlung mit Colchicin ebenfalls zu einer signifikanten Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse um 31% im Vergleich zu Placebo. Dieses Ergebnis legt nahe, dass Colchicin nicht nur in der Akutphase nach einem Herzinfarkt, sondern auch bei Patienten mit chronischen Formen der koronaren Herzkrankheit einen positiven Effekt auf die kardiovaskuläre Prognose haben kann.

Aufgrund dieser vielversprechenden Daten empfehlen die Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) von 2023 zum gegenwärtigen Zeitpunkt den Einsatz von Colchicin nach einem Herzinfarkt mit einer Klasse-IIb-Empfehlung und einem Evidenzgrad A. Das bedeutet, dass eine gute Studienlage vorliegt (Evidenzgrad A), die Maßnahme aber aufgrund widersprüchlicher Meinungen oder Einschränkungen nur eingeschränkt empfohlen wird und im Einzelfall erwogen werden kann (IIb). Die Entscheidung zur Behandlung mit niedrig-dosiertem Colchicin nach einem Herzinfarkt muss daher individuell erfolgen.

Bei welchen Patienten und wann ist die Behandlung mit niedrig-dosiertem Colchicin nach einen Herzinfarkt sinnvoll?

Nach einem ausgedehnten Herzinfarkt sollte innerhalb von 2-4 Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus die Vorstellung bei einem niedergelassenen Kardiologen stattfinden, weil hier nicht nur die Dosis der verschiedenen Medikamente erfolgt. Auch die Ausdehnung eines Aneurysmas und gegebenenfalls das Vorhandensein eines linksventrikulären Thrombus, der eine erhöhtes Schlaganfallrisiko bedeutet und  je nach Infarktgröße in bis zu 19,2% der Fälle vorkommen kann, kann mittels Echokardiografie festgestellt werden.

Kriterien, die für den Einsatz von niedrig-dosiertem Colchicin sprechen sind:

  • Ausgedehnter Infarkt (insbesondere Vorderwandinfarkt)
  • Linksventrikuläre Ejektionsfraktion <50%
  • Aneurysmabildung
  • Linksventrikulärer Thrombus
  • Erhöhte Entzündungsparameter im Blut (zum Beispiel C-reaktives Protein)
  • Aktivierte Blutgerinnung (zum Beispiel Erhöhung von D-Dimeren, Fibrinogen)

Verringert Colchicin das Restenoserisiko nach Katheter-gestützter Wiedereröffnung eines Herzkranzgefäßes?

Auch diese Frage wurde in Studien untersucht. In der CLEAR-Synergy-Studie erhielten Patienten mit akutem Koronarsyndrom, die sich einer perkutanen Koronarintervention unterzogen, entweder Colchicin oder Placebo. Nach 6 Monaten zeigte sich kein signifikanter Unterschied in der Restenoserate zwischen beiden Gruppen (16,6% unter Colchicin vs. 17,2% unter Placebo).

Somit scheint Colchicin keinen wesentlichen Einfluss auf das Restenoserisiko nach einer Katheter-gestützten Wiedereröffnung eines Herzkranzgefäßes zu haben.

In welcher Dosis und wie lange sollte die Behandlung mit Colchicin nach einem Herzinfarkt dauern?

Für die Behandlung nach einem Herzinfarkt wird eine niedrige Dosis von 0,5 mg Colchicin pro Tag empfohlen. Colchicin ist verschreibungspflichtig und der Einsatz sollte immer mit einem Kardiologen abgestimmt werden.

Der Einsatz von niedrig-dosiertem Colchicin sollte möglichst frühzeitig erfolgen.

In den meisten Studien wurde Colchicin über einen Zeitraum von 12-24 Monaten nach dem Herzinfarkt gegeben. Die optimale Behandlungsdauer ist jedoch noch nicht abschließend geklärt. Experten empfehlen derzeit eine Colchicin-Therapie für mindestens 12 Monate nach einem Herzinfarkt.

Welche Nebenwirkungen können unter einer niedrig-dosierten Behandlung mit Colchicin nach einem Herzinfarkt auftreten?

Colchicin ist insgesamt gut verträglich. Die häufigsten Nebenwirkungen sind gastrointestinale Beschwerden wie Durchfall, Übelkeit und Erbrechen. In der COLCOT-Studie traten diese bei 17,8% der Patienten unter Colchicin auf, verglichen mit 13,8% unter Placebo[10].

Selten kann es unter Colchicin zu einer Myopathie oder Neuropathie kommen. In der COLCOT-Studie war dies bei 0,3% der Patienten unter Colchicin der Fall.

Welche Labortests werden zur Überwachung einer niedrig dosierten Colchicin-Behandlung durchgeführt

Unter einer niedrig dosierten Colchicin-Therapie sind regelmäßige Labortests zur Überwachung der Nieren- und Leberfunktion sowie des Blutbildes empfehlenswert. Diese sollten vor Therapiebeginn sowie nach 1, 3, 6 und 12 Monaten erfolgen.

Zusammenfassung – Colchicin

Colchicin ist ein vielversprechendes Medikament zur Verbesserung der Prognose nach einem Herzinfarkt. Es wirkt anti-entzündlich und kann dadurch das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie Tod, erneuten Herzinfarkt oder Schlaganfall signifikant senken. Besonders beeindruckend ist die Reduktion des Schlaganfallrisikos.

Auf das Restenoserisiko nach einer Katheter-gestützten Wiedereröffnung eines Herzkranzgefäßes scheint Colchicin hingegen keinen wesentlichen Einfluss zu haben.

Colchicin ist insgesamt gut verträglich. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden, die jedoch meist mild ausfallen. Unter einer niedrig dosierten Dauertherapie sind regelmäßige Laborkontrollen sinnvoll.

Wenn Sie einen Herzinfarkt erlitten haben, sprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob Colchicin für Sie in Frage kommt. Die Cardiopraxis® steht Ihnen dabei gerne beratend zur Seite. Gemeinsam finden wir die für Sie optimale Therapie, um Ihr Herz bestmöglich zu schützen und Ihre Prognose zu verbessern. 

Literatur 
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