Plötzlicher Herztod - Kammerflimmern im Langzeit-EKG

Kammerflimmern im Langzeit-EKG

Wenn Sie das oben gezeigte EKG auf Ihrer Apple-Watch sehen, dann handelt es sich um Kammerflimmern. Nun ist die Zeit sehr knapp und es verbleiben nach Beginn des Kammerflimmerns nur noch ca. 10 Sekunden bis Sie das Bewusstsein verlieren. Kammerflimmern ist die häufigste Ursache für den plötzlichen Herztod.

Wenn Sie Glück haben, dann beginnen Menschen in Ihrem Umfeld nachdem Sie Ihr Bewusstsein verloren haben mit den Wiederbelebungsmaßnahmen. In optimalen Fällen ist ein Automatischer Externer Defibrillator, ein sog. AED zur Hand. Da in den 30 Minuten vor dem Einsetzen des plötzlichen Herztodes in ca. 2 Drittel der Fälle Symptome, wie z.B. innere Unruhe, Brustdruck oder Luftnot auftreten, haben Sie oder Menschen aus Ihrem Umfeld schon die Rettungskette unter 112 in Gang gesetzt. Geschultes Rettungspersonal ist in Stadtgebieten innerhalb von Minuten vor Ort.

Wenn das alles gut geht, und vor allen Dingen schnell läuft, dann haben Sie häufig Glück und Sie werden erfolgreich wiederbelebt, und können weiter ein aktives Leben führen.

Hier schildern wir Ihnen nun den Fall eines Mannes, der trotz günstiger Umstände, das Pech hatte, dass es im Spätherbst früher dunkel wird als im Sommer.

Fallbericht – Kammerflimmern im Langzeit-EKG

Ein 62-jähriger, sehr freundlicher Mann stellt sich zur Abklärung einer Belastungsluftnot in einer kardiologischen Klinik vor.

Am Aufnahmetag wird noch am Vormittag eine Herzultraschalluntersuchung vorgenommen. Diese zeigt als führenden Befund einer schweren Herzschwäche eine hochgradige Einschränkung der linksventrikulären Ejektionsfraktion von 25% (>55% normal).

Zeitgleich wird im Echokardiografielabor eine orientierende körperliche Untersuchung einschl. einer Auskultation des Herzens mit dem Stethoskop durchgeführt. Das differenzierte Abhören aller Ableitungspunkte ergibt unter Berücksichtigung von Atemmanövern einen deutlichen 3. Herzton über der Herzspitze.

Da eine Herzschwäche mit einem erhöhten Risiko für Herzrhythmusstörungen verbunden ist, wird ein Langzeit-EKG angelegt. Für den nächsten Tag ist eine Herzkatheteruntersuchung zur Ursachenabklärung der Herzschwäche geplant.

Am diesem Oktoberabend, die Sonne ist schon untergegangen, macht der Bettnachbar gegen 19:00 Uhr das Licht an. Er entdeckt, dass der Mann bewegungslos in seinem blauen Trainingsanzug, auf dem noch nicht aufgedeckten Bett liegt und auch nicht mehr atmet. Die herbeigerufenen Schwestern, Pfleger und Ärzte beginnen nach Prüfung der Vitalzeichen unmittelbar mit den Reanimationsmaßnahmen. Leider sind diese erfolglos und der Mann wird für tot erklärt.

Das Langzeit-EKG wird posthum, d.h. nach dem Tod ausgewertet und zeigt den seltenen Fall von Kammerflimmern im Langzeit-EKG.

Plötzlicher Herztod - Kammerflimmern im Langzeit-EKG

Kammerflimmern im Langzeit-EKG

Was sehe ich?

Die Langzeit-EKG-Registrierung zeigt zunächst (Beginn EKG-1) eine regelmäßige schmal-komplexe schnelle Folge von QRS-Komplexen. Den QRS-Komplexen vorangeschaltet ist jeweils eine P-Welle. Es handelt sich um eine Sinustachykardie, wahrscheinlich im Sinne einer Bedarfstachykardie bei hochgradiger Einschränkung der linksventrikulären Pumpfunktion.

Im weiteren Verlauf treten zunächst vereinzelt, dann später auch gekoppelt breitkomplexige ventrikuläre Extrasystolen auf. Mit einer Extrasystole beginnt dann das Kammerflimmern (Mitte EKG-1).

Das Kammerflimmern ist initial noch höher-amplitudig. Später geht das Kammerflimmern in eine niedrig-amplitudige und sehr hoch-frequente Form über (EKG-2). Wir halten den Beginn der Herzrhythmusstörung nicht für eine Torsade de Pointes Tachykardie, da bereits zu Beginn (1. vollständige Zeile des Kammerflimmern) keine periodischen Amplituden- und Vektorwechsel auftreten. Nach ca. 25 Minuten ist eine elektrische Aktion der Herzhauptkammer nicht mehr zu erkennen. Wir sehen bezogen auf die Hauptkammern eine elektrische Nulllinie. Wir erkennen nur noch die regelmäßigen Vorhofaktionen (EKG-3).

Plötzlicher Herztod 3. Herzton

Der 3. Herzton – ein sehr schlechtes Vorzeichen

Beim Abhören des Herzens können wir immer, bis auf ganz seltene Ausnahmen den 1. Herzton und den 2. Herzton wahrnehmen. Der 1. Herzton kennzeichnet den Schluss der Verbindungsherzklappen zwischen Vor- und Hauptkammern (Anspannungston). Der 2. Herzton wird durch den Schluss der Herzklappen zwischen Hauptkammern und den abgehenden Arterien verursacht (Klappenschlusston).

Den 3. Herzton hören wir nur noch selten, weil die Menschen mit Herzschwäche meistens frühzeitig gut mit Herz-entlastenden Medikamenten behandelt werden. Er entsteht durch einen erhöhten Füllungsdruck im Herzen.

Wenn wir den 3. Herzton hören, dann ist das ein sog. Signum mali ominis (lat. Vorzeichen allen Schlechten) und die Lage ist ernst. Erfahrene Kardiologen wissen, dass eine lebensbedrohliche Situation vorliegt. Im Fall des beschriebenen Mannes war der 3. Herzton der Vorbote von Kammerflimmern im Langzeit-EKG und damit den plötzlichen Herztod.

Und noch ein weiteres Beispiel aus dem Alltag. Bei diesem 62-jährigen Mann hören wir einen Extraton (S(3+4)) als sog. Fusionsgalopp. Die visuelle Ableitung der Herztöne, das Phonokardiogramm stammt aus einer Zeit, als die Möglichkeiten zur Behandlung der Herzinsuffizienz noch sehr eingeschränkt waren. Der Fusionsgalopp ist eine Verschmelzung von 3. und 4. Herzton und die Prognose ist auch hier schlecht. Dieser Mann verstarb 15 Tage nach der Registrierung des Fusionsgalopps am Plötzlichen Herztod.

Das Herz – ein elektro-mechanisches Organ

Das Herz ist ein elektro-mechanisches Organ, d.h. einer elektrischen Herzaktion folgt ein mechanisches Zusammenziehen, eine sog. muskuläre Kontraktion. Vorkammern und Hauptkammern kontrahieren dabei nacheinander, so dass sich z.B. während die Hauptkammern Blut in Lungen- bzw. Körperkreislauf pumpen gleichzeitig die Vorkammern füllen. Das Herz ist somit eine Druck-Saugpumpe.

Diese elektro-mechanischen Prozesse im Herzen müssen geordnet ablaufen, damit ein ausreichender Kreislauf aufrechterhalten werden kann und alle Organe mit sauerstoffreichem Blut versorgt werden können. Das gilt vor allen Dingen für das sehr Sauerstoff-sensible Gehirn: ca. 10 Sekunden kein Kreislauf im Gehirn führt zu Bewusstseinsverlust.

Herzrhythmusstörungen, z.B. elektrische Extraaktionen, auch Extrasystolen genannt können den regelmäßigen elektro-mechanischen Ablauf und damit den Kreislauf des Blutes stören. Hier muss man wissen, dass jede Herzmuskelzelle das elektrische Potential hat eine Extrasystole auszulösen.

Kammerflimmern – elektrischer Sturm, mechanischer Stillstand

Die gefährlichste Herzrhythmusstörung ist das Kammerflimmern. Die elektrische Herzfrequenz beträgt 320-800 Aktionen pro Minute. Hier sind die Hauptkammern kontinuierlich elektrisch erregt, quasi in einem elektrischen Sturm und die Muskulatur der Hauptkammern befindet sich in einer mechanischen Starre, ähnlich wie einem Muskelkrampf in anderen Körperregionen. Durch die mechanische Starre kommt der Kreislauf zum Stillstand. Je länger der Kreislaufstillstand anhält, ohne dass das Herz mittels Elektroschock, der sog. Defibrillation wieder in einen normalen Rhythmus gebracht wird, desto wahrscheinlicher ist der Tod.

Kammerflimmern terminiert fast ausnahmslos nicht spontan, d.h. ohne Defibrillation kann diese Rhythmusstörung nicht beendet werden, auch nicht mit Medikamenten. Nur in sehr, sehr seltenen Fällen haben einzelne von uns im Herzkatheterlabor oder auf der Intensivstation erlebt, dass sich beginnendes Kammerflimmern wieder “gefangen” hat.

Die kontinuierliche elektrische Erregung der Hauptkammern hat zur Folge, dass sich die Herzmuskelzellen energetisch erschöpfen. Nach ca. 25 Minuten kann auch keine elektrische Erregung mehr stattfinden, das EKG geht in eine elektrische Nulllinie über.

Da die Muskulatur der Hauptkammern von denen der Vorkammern bis auf den AV-Knoten elektrisch isoliert ist, wird die rückwärts gerichtete Erregung durch den AV-Knoten blockiert. Der AV-Knoten ist ein elektrischer Verzögerer. Genauso wenig wie das häufige Vorhofflimmern auf die Hauptkammern 1:1 übertragen, genauso wenig wir das Hauptkammerflimmern rückwärts auf die Vorkammern übertragen. Das können wir auch in unserem Beispiel gut sehen, die elektrischen Vorhofaktionen sind noch lange nachdem die Hauptkammern elektrisch funktionslos sind, im EKG sichtbar. Als mechanisches Phänomen hat dieses übrigens schon William Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufs in seinem Buch “De motu cordis et sanguinis” 1628 beschrieben.

Kammerflimmern kann erfolgreich behandelt werden – Zeit ist der kritische Faktor

Sollte ein Mensch in Ihrem Umfeld das Bewusstsein verlieren, nicht mehr ansprechbar sein und auf Schmerzreize nicht reagieren, dann müssen Sie Hilfe rufen und unverzüglich mit den Reanimationsmaßnahmen beginnen:

PRÜFEN – RUFEN – DRÜCKEN

Sollte ein AED vor Ort sein, dann setzen Sie ihn ein. Sie können nichts falsch machen, handeln Sie unverzüglich.

Literatur

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

Mehr zu: Dr. Stefan Dierkes

 

 

 

 

 

 


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