Der Fallbericht – ein wichtiger Aspekt der ärztlichen Kommunikation

Glück begünstigt den vorbereiteten Geist – Louis Pasteur

Der ärztliche Alltag ist voller spannender Geschichten. Schließlich sind sie jedenfalls sehr viel spannender, als dass was Sie sonst in Literatur und Film so mitgeteilt bekommen.

Gute Ärzte sind gute Geschichtenerzähler und hören auch gerne Geschichten. Daher werden gerade Neuigkeiten und neu Gelerntes untereinander ausgetauscht. Das ist häufig der erste Schritt dazu, dass ein vorher unbekannter Zusammenhang wissenschaftlich weiter untersucht wird.

Ebenen der wissenschaftlichen Kommunikation

Fallberichte ordnen sich in die Hierarchie der medizinischen Kommunikation ein. Folglich kennen wir verschiedene Ebenen der Kommunikation. Sie reichen vom sogenannten kollegialen Gespräch bis hin zum Buchbeitrag.

Kollegiales Gespräch. Täglich tauschen sich Ärzte mit anderen Ärzten im Gespräch aus. Dabei geht es meistens um die sogenannten Patienten und ihre medizinischen Probleme. Wir fragen bei anderen Ärzten nach und lernen von ihnen. So lernen auch andere Ärzte von uns.

Fallbericht. Ist uns bei einem Menschen, den wir betreuen, ein besonderer Zusammenhang aufgefallen, der vielleicht noch gar nicht bekannt ist, dann wird manchmal auch ein Fallbericht erstellt. Dieser wird dann in der Regel in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht.

Fallserie. Finden wir eine Häufung von Zusammenhängen bei mehreren Patienten, dann kann auch eine Fallserie veröffentlicht werden.

Vergleichende Untersuchungen. Sei es, dass eine erstmals aufgetretene Erkrankung oder ein Medikament neu untersucht wird, dann werden häufig vergleichende Untersuchungen mit einer Kontrollgruppe durchgeführt.

Gerade bei Anwendungsuntersuchungen, wie z.B. der Wirksamkeit eines neuen Medikamentes werden Probanden zufällig einer Gruppe zugeordnet (sog. Randomisierung). Häufig wird auch ein Scheinmedikament, ein sog. Placebo verwendet.

Übersichtsarbeiten. Übersichtsarbeiten fassen die Ergebnisse zu einer bestimmten Fragestellung zusammen. Folglich geben sie den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung wieder und formulieren so den medizinischen Standard.

Im weiteren Sinne gehören auch die diagnostischen und therapeutischen Leitlinien von medizinischen Fachgesellschaften zu den Übersichtsarbeiten. Sie stellen den minimalen wissenschaftlichen Konsens zu einer Fragestellung zusammen. Anders formuliert, sie geben Ärzten bei einem Krankheitsbild vor, was mindestens zu tun und nicht zu tun ist.

Buchbeitrag. Wissenschaftliche Buchbeiträge sind dem Fachpersonal, beziehungsweise auch den Medizinstudenten zugänglich. Was in Buchbeiträgen steht, entspricht in der Regel der Lehrmeinung. Problematisch ist, dass diese Beiträge z.T. häufig etabliertes älteres Wissen wiedergeben und somit nicht unbedingt auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung sind.

Glück begünstigt den vorbereiteten Geist – Louis Pasteur

Was steht eigentlich in einem medizinischen Fallbericht

Für einen Fallbericht gibt es immer einen konkreten Anlass: ein ungewöhnlicher medizinischer Zusammenhang oder eine Erstanwendung einer Maßnahme bei einem Menschen. Gerade bei Fallberichten spielt der glückliche Zufall, im englischen Serendipity genannt häufig eine entscheidende Rolle.

Häufig geht es in Fallberichten darum, dass bestimmte Symptome in Verbindung mit einer Veränderung objektiver Messwerte einher gehen. Daher sind sie gerade für Laien interessant, die nach einer Erklärung für ihre Symptome suchen. Die Autoren müssen sich daher an eine sachliche und klare Darstellung möglichst unter Berücksichtigung objektivierender Messparameter halten.

Fallbeschreibungen als Anstoß für neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Ist ein Zusammenhang erstmalig aufgetreten, dann denken wir im Fallbericht nach, ob Rückschlüsse auf Zusammenhänge bei mehreren Menschen gezogen werden können. Dieses entspricht dem sogenannten induktiven Denken. In diesem Sinne sind Fallberichte wichtig für die sogenannte Hypothesenbildung. Und es stellt sich uns die Frage, ob die Einzelergebnisse auf mehrere Menschen übertragen werden können.

Die Risiken des Fallbericht liegen im subjektiven Betrachtungswinkel des Autors bzw. der Autoren. Die Tatsache, dass z.B. zwei Ereignisse gleichzeitig auftreten, bedeutet noch nicht, dass es sich auch um einen kausalen Zusammenhang handelt. Die Autoren müssen aufpassen, dass sie nicht das sehen, was sie sehen wollen und möglichst beschreibend bleiben.

Zum Schutz vor einer Überinterpretation in einem Fallbericht gibt es bei wissenschaftlichen Zeitschriften den Review-Prozess. Hier beurteilen Fachbegutachter, in der Regel zwei, den Fallbericht und überprüfen ihn auf Genauigkeit und Sinnhaftigkeit.

Medizinische Fallberichte im Internet

Fallberichte werden in der Regel in Fachzeitschriften veröffentlicht. Das hat den Vorteil, dass die Inhalte durch ein Gutachter-Verfahren überprüft werden. Die Fallberichte werden dann in der Zeitschrift einer großen Gruppe von Fachleuten mitgeteilt. Nicht selten ist es so, dass sich dann auch andere Autoren melden, denen ähnliche Zusammenhänge aufgefallen sind.

Ein relevanter Nachteil der ausschließlichen Veröffentlichung in Fachzeitschriften ist, dass medizinische Laien nur einen begrenzten Zugang zu diesen Informationen haben. Dieser ist jetzt allerdings auch zunehmend durch das Internet gegeben. Dies hat zum Vorteil, dass Betroffene hier Hinweise auf Zusammenhänge ihrer Symptome mit möglichen Erkrankungen finden können.

Die Nachteile der Internet-Recherche durch medizinische Nicht-Fachleute sind die Laien-Interpretation und die Laien-Autorenschaft. Die Komplexität medizinischer Zusammenhänge überfordert Laien meistens, so dass Zusammenhänge nicht richtig interpretiert werden. In diesem Sinne erklärt sich diese Einschränkung schon allein aus der Subjektivität von Autorenschaft und Interpretation durch die Leser. Hinzu kommen gerade bei betroffenen kranken Menschen der Wunsch nach einer möglichst einfachen Lösung ihrer Probleme. Dieses Wunschdenken ist zwar verständlich, entspricht aber in der Qualität mehr dem Hörensagen und führt häufig in die Irre, und das mit z.T. erheblichen gesundheitlichen Konsequenzen.

Praktischer Umgang mit Fallberichten

Wir in der Cardiopraxis lesen regelmäßig Fallberichte, weil wir häufig hier Hinweise für Lösungen der Probleme in unserem täglichen Arbeitsalltag finden. Darüber hinaus sehen wir es fast als unsere Pflicht an, Fallberichte selber zu veröffentlichen, um aus unserer Sicht wichtige Zusammenhänge aufzuzeigen, so dass diese einer größeren Gruppe von Menschen zugänglich wird, was wiederum medizinisch hilfreich sein kann. Folgerichtig veröffentlichen wir in der Cardiopraxis in loser Folge vor allen Dingen in den Cardiopraxis Selbsthilfekursen unter „Fallberichte“ und „Smartphone EKG“.

Abschliessend ist für Sie im Umgang mit Fallberichten wichtig, dass Sie als medizinische Laien keine voreiligen Schlüsse im Hinblick auf Diagnosen ziehen oder gar eine Therapie unkontrolliert beginnen. Sie sollten medizinische Informationen, die Sie z.B. im Internet erhalten immer mit einer Ärztin oder einem Arzt abgleichen bevor Sie medizinische Konsequenzen ziehen.

 

Hier geht es zu den Fallberichten der Cardiopraxis

Literatur

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


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