Winterblues und Winterdepression – Wechsel von Licht und Dunkel

Als Spezies wurden wir für den Äquator entwickelt, 12 Stunden Licht und 12 Stunden Dunkelheit. Es ist also unsere eigene Schuld, wenn wir uns vom Äquator entfernt haben. Je mehr wir uns davon entfernen, desto mehr Probleme bekommen wir. (Torbjorn Akerstedt, Direktor Stockholm Stress Research Institute)

Wer sich mit dem Winterblues näher befassen will bzw. selber an einer saisonalen depressiven Verstimmung oder gar an einer Winterdepression leidet, der sollte sich mit der Evolution des Menschen und seinem Verhältnis zu Licht und Dunkelheit befassen.    

Die Wiege der Menschheit – nahe am Äquator  

Der Ursprung der Menschheit liegt in Afrika. Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung hat das erste menschenähnliches Wesen vor 7,2 Millionen Jahren in Zentralafrika im heutigen Tschad gelebt. Dieser Hominide, der Sahelanthropus tchadensis ging mit hoher Wahrscheinlichkeit schon überwiegend auf 2 Beinen und lebte nur ca. 1.300 km nördlich vom Äquator.   

Sahelanthropus tchadensis und weitere Vorfahren des Homo sapiens lebten bis vor ca. 2,6 Millionen Jahren ausschließlich in Zentralafrika, bevor sie sich dann in andere Regionen Afrikas ausgebreitet haben. Das bedeutet also, dass unsere Vorfahren mindestens 4,6 Millionen Jahre durch die Region am Äquator geprägt wurden. Erst vor 65.000 Jahren begann eine Art der Gattung Homo Afrika sich über die Grenzen Afrikas hinaus auszubreiten, es war der Homo sapiens.  

Äquator – Tages- und Nachtgleiche für Licht und Dunkel das ganze Jahr  

Diese frühe Phase des menschlichen Daseins in Zentralafrika hatte alleine schon durch ihre Dauer – immerhin 2,3 Millionen x 2.000 Jahre unserer Zeitrechnung – einen entscheidenden Einfluss auf die Genetik der heutigen Menschen.   

Das gilt z.B. für das Fight-or-Flight Verhalten bei drohender Gefahr. Das für diese schnelle Reaktionsweise ursächliche Adrenalinsystem prägt noch heute unsere Emotionen im alltäglichen Leben. Obwohl wir in der Regel nicht mehr von Gefahren für Leib und Leben umgeben sind, reagieren wir auch im friedlichen sozialen Umgang häufig vollkommen unnötig reflexartig und überschießend, z.B. im Straßenverkehr.  

Der Mensch und seine Vorfahren sind tagaktive Lebewesen, d.h. sie gehen am Tag der Nahrungssuche nach und schlafen in der Nacht. Unsere Innere Uhr und damit alle unsere zirkadianen biologischen Prozesse werden durch den solaren Tag, d.h. durch den Wechsel von Tag und Nacht synchronisiert. In Bezug auf die Genetik hat die evolutive Entwicklung unserer Vorfahren über Millionen von Jahren am Äquator auch zu einer entsprechenden Programmierung unseres genetischen Codes geführt.   

Am Äquator herrscht das ganze Jahr über die sog. Tagundnachtgleiche, d.h. die Sonne geht um ca. 6:00h auf und um ca. 18:00h unter. Die Menschen dort sind also jeden Tag im Jahr sehr stabilen und ausgeglichenen Lichtverhältnissen ausgesetzt: 12 Stunden Helligkeit und 12 Stunden Dunkelheit.    

Etwas weiter nördlich vom Äquator in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, also der Region wo unsere Vorfahren herkommen, beträgt die maximale Dauer der nächtlichen Dunkelheit zur Sommersonnenwende am 21. Juni 11 Stunden 9 Minuten und zur Wintersonnenwende am 21. Dezember 12 Stunden und 25 Minuten. Die Differenz zwischen minimaler und maximaler Dunkelheit beträgt folglich 1 Stunde und 34 Minuten.     

Je weiter vom Äquator entfernt, desto größer der Stress für den Menschen

Bezogen auf die Erde gilt, je weiter wir uns vom Äquator entfernen, desto größer sind die Unterschiede für Tag und Nacht zwischen dem 21. Juni und dem 21. Dezember, der Sommer- bzw. Wintersonnenwende. Zwei Faktoren spielen für den Menschen dabei eine Rolle  

  • absolute Dauer der Dunkelheit   
  • Anpassungsdruck zwischen minimaler und maximaler Dunkelheit zwischen Juni und Dezember  

Nehmen wir als Beispiel mal die saisonalen Lichtverhältnisse in Düsseldorf, einer Stadt leicht oberhalb des 51. Breitengrades in Westeuropa. Düsseldorf liegt also 5.661 Kilometer ((51 x 111) + 28km) vom Äquator entfernt.     

Winterblues – Absolute Dunkelheit in Westeuropa

In Düsseldorf beträgt die Dauer der Dunkelheit zur Sommersonnenwende 7:25 h Stunden und zur Wintersonnenwende 16:08 h. Die minimale bzw. maximale Abweichung der Zeit, die wir der Dunkelheit ausgesetzt sind, beträgt somit abweichend von einer Licht- bzw. Dunkelphase am Äquator mit 12 Stunden am 51. Breitengrad jeweils ca. 4 Stunden.  

Alleine der hohe Anteil der nächtlichen Dunkelheit ist für das emotionale und körperliche Befinden der meisten Menschen ein relevanter Faktor für die Leistungsfähigkeit und hat entsprechende Symptome zur Folge. Durch eine zu lange Dunkelheit werden mehrere Primärtriebe des Menschen, namentlich der Bewegungstrieb und die Nahrungssuche einschränkt.   

Auf der anderen Seite ist aber auch so, dass zu viel Helligkeit im Sommer die Schlafdauer bedeutsam verkürzen kann, was ebenfalls negative gesundheitlich Folgen, wie z.B. Unruhe oder Schlafstörungen zur Folge haben kann  

Kurzum, eine zu starke Abweichung von der äquatorialen Tagundnachtgleiche ist in Bezug auf die menschliche Vorgeschichte eher als unnatürlich zu bewerten.  

Winterblues und Winterdepression – Anpassungsdruck zwischen Sommer und Winter in Westeuropa 

Betrachten wir nun für Düsseldorf den Unterschied zwischen maximaler Dunkelheit zur Sommer- und zur Wintersonnenwende, dann beträgt dieser 8 Stunden und 43 Minuten, also fast 9 Stunden.  

Im Gegensatz zu den stabilen und ausbalancierten Lichtverhältnissen am Äquator mit einem Anpassungsdruck von 0 Stunden, unterliegt die Innere Uhr des Menschen in Deutschland einem kontinuierlichem Anpassungsdruck. Synchronisiert durch Sonnenaufgang und -untergang müssen sich Ihre inneren biologischen Prozesse immer weiter umstellen. Das ist durchaus Stress. Wir können das daran ablesen, dass manche Menschen mit saisonaler Depression bzw. saisonaler Verstimmung bereits vor der Tagundnachtgleiche im September sich bereits antriebsärmer fühlen.  

 Extremer Anpassungsdruck an den Polen

Je weiter Sie vom Äquator entfernt leben, desto extremer werden die Verhältnisse.   

In Hammerfest auf dem 70. Breitengrad in Norwegen, der nördlichsten Stadt der Welt, herrscht zwischen dem 22. November und dem 21. Januar nahezu komplette Dunkelheit, die Polarnacht. Entsprechend geht die Sonne zwischen dem 19. Mai und dem 26. Juli überhaupt nicht unter. Zwischen dem 21. Januar und dem 19. Mai müssen die Hammerfester innerhalb von 118 Tagen einen Anpassungsdruck von 24 Stunden von kompletter Dunkelheit zu kompletter Helligkeit bewältigen. Dasselbe gilt natürlich auch für die Regionen nahe dem Südpol.  

  

Winterblues und Winterdepression – Abhängigkeit vom Breitengrad

In den USA ist die Saisonalität am besten untersucht. Fasst man die Winterdepression und den Winterblues zusammen, dann finden wir eine eindeutige Korrelation zwischen dem Breitengrad und der Häufigkeit der Störungen. Folglich liegt die Häufigkeit am 27. Breitengrad in Sarasota, Florida, zusammengefasst lediglich bei 4,0%, am 65. Breitengrad in Fairbanks, Alaska bei 28,3%.  

In Europa dürften die Verhältnisse ähnlich sein wie in den USA, wobei bisher hauptsächlich Menschen in den nordeuropäischen Ländern untersucht wurden. So ist die Häufigkeit von Winterblues und Winterdepression in Tromsö, Norwegen am 69. Breitengrad, mit 24,4% ähnlich hoch wie in Fairbanks, Alaska. In Deutschland beträgt die Häufigkeit von Winterblues und Winterdepression 20-25%.

Winterblues und Winterdepression – machen Sie mehr Licht

Die vorangegangen Ausführungen zeigen doch recht deutlich, warum uns Menschen das fehlende Licht gesundheitlichen Probleme bereiten kann, je weiter wir vom Äquator entfernt leben.  Dieses ist auch die biologische Grundlage für den Erfolg der Lichttherapie und überhaupt den Umgang mit Umgebungslicht bei Winterblues und Winterdepression.

 

 …..weiter im Selbsthilfekurs “Winterblues”

 

Mehr zu: Dr. Frank-Chris Schoebel

 

 

 

 

 

 


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