Regulation Blutdruck an der Halsschlagader – Schutz für das Gehirn

Die Halsschlagader versorgt das Gehirn mit Blut, auch gegen die Schwerkraft. Um ideal zu funktionieren, braucht das Gehirn dafür den richtigen Blutdruck. Ist der Blutdruck z.B. für 10 Sekunden zu niedrig, dann kann das zum Bewusstseinsverlust führen.  Ist der Blutdruck zu hoch, können Bewusstseinsstörungen oder gar Hirnblutungen die Folge sein.

Das Nervenzentrum, das den Blutdruck an der Halsschlagader reguliert, heißt Glomus caroticum. Bei hohem Blutdruck sorgt es für eine Senkung der Herzfrequenz und eine Weitstellung der Arterien – und schützt dadurch das Gehirn. Die Gehirnfunktion bei niedrigem Blutdruck erhält es, indem die Herzfrequenz gesteigert und die Arterien enggestellt werden. Dieser wichtig Herz-Kreislaufreflex wird Baroreflex genannt.

Überempfindliche Druckregulation – Risiko Ohnmachtsanfälle

Die Regulation des Baroreflexes kann überempfindlich sein, d.h. bereits ein geringer Druck auf das Nervenzentrum an der Halsschlagader löst kritische Abfälle von Herzfrequenz und/oder Blutdruck aus. Daher sind die Bestimmung der Barorezeptor-Sensitivität und der Carotis-Druckversuch fester Bestandteil der Abklärung von Ohnmachtsanfällen.

Hinweise auf einen überempfindlichen Carotis-Sinus

Im Alltag ergeben sich Hinweise auf eine empfindliche Halsschlagader, wenn aus einer Situation heraus Druck auf die Halsschlagader ausgeht. Das kann die starke Kopfwendung zu einer Seite sein, z.B. beim Blick nach hinten (meistens nach links, Schulterblick beim Autofahren) oder beim Rasieren vorkommen und auch ein zu enger Hemdkragen kann dann Benommenheit bzw. Ohnmachtsanfälle auslösen.

Menschen mit einem überempfindlichen Carotin Sinus sind meistens über 60 Jahre. Eine Verringerung der Elastizität der Halsschlagader, z.B. bei einer beginnenden Arteriosklerose spielt häufig eine Rolle. Darüber hinaus kann auch eine vermehrte Adrenalin-vermittelte Aktivierung durch Stress, z.B. durch einen Flüssigkeitsmangel oder Schmerzen einen überempfindlichen Carotis Sinus zur Folge haben.

Überempfindlicher Baroreflex – Herzfrequenz und/oder Blutdruck beeinträchtig

Bei einem überempfindlichen Carotin Sinus kann die Regulation von Herzfrequenz und Blutdruck in unterschiedlichem Ausmaß betroffen sein. Maßstab ist hier das Ergebnis des Carotis-Druckversuchs.

Hypersensitiver Carotis Sinus vom primär kardio-depressiven Typ. Bei dieser Störung ist überwiegend die Regulation des Herzens betroffen. Wir sprechen vom kardio-depressiven Typ, wenn die Pause zwischen 2 Herzschlägen mehr als 3 Sekunden entspricht, also die Herzfrequenz kurzzeitig weniger als 20 ppm beträgt.

Hypersensitiver Carotin Sinus vom primär vaso-depressiven Typ. Hier ist eher die Gefäßregulation beeinträchtigt. Beim vaso-depressiven Typ fällt der systolische Blutdruck um mehr als 50 mmHg ab.

Natürlich kann auch die Kombination von beiden Phänomenen, niedrige Herzfrequenz + niedriger Blutdruck, unabhängig davon ob die Definition für den ein oder anderen Typ erfüllt ist, zu Ohnmachtsanfällen führen.

Wichtig wird die Unterscheidung aber, wenn es um die Therapie geht, denn Ohnmachtsanfälle durch einen überwiegend vaso-depressiven Typ wird man nicht erfolgreich mit einem Schrittmacher behandeln können. Hinzu kommt, dass der vaso-depressive mit der herkömmlichen Diagnostik (EKG, Blutdruckmanschette) nicht sicher erkannt werden kann. Wir in der Cardiopraxis nutzen daher die kontinuierliche Blutdruckmessung mit dem Finapres-System.

Hypersensitiver Carotin Sinus – wirklich relevant für Symptome?

Ein hypersensitiver Carotin Sinus bedeutet nicht gleich, dass das die Ursache für Synkopen ist. Bevor weitere therapeutische Maßnahmen in diese Richtung ergriffen werden, muss der Zusammenhang zwischen hypersensitivem Carotin Sinus und dem Spontanereignis im Alltag hergestellt sein. Erst dann sprechen wir von einem Carotis Sinus-Syndrom. Am wichtigsten ist hier die Krankengeschichte. Wir versuchen mittels sehr aufmerksamer Befragung herauszufinden, was unmittelbar vor der Benommenheit bzw. der Ohnmacht stattgefunden hat. Wird als Auslösesituation eine Kopfwendung bei der Autofahrt genannt, dann ist der Zusammenhang ziemlich eindeutig.

Unterstützend bei der Diagnostik sind das Langzeit-EKG und gegebenenfalls die Implantation eines sog. Event-Recorders.

Behandlung von Carotis-Sinus-Syndrom – Übertherapie mit Herzschrittmacher vermeiden

Eine Behandlung, die immer wieder beim Carotis-Sinus-Syndrom gewählt wird, ist die Implantation eines Herzschrittmachers. In Einzelfällen ist das sicherlich sinnvoll. Allerdings müssen Sie berücksichtigen, dass häufig ein Mischtyp (inkompletter kardio-depressiver + vaso-depressiver Mischtyp) vorliegt. In diesem Fall kann der Schrittmacher die Störung nur unvollständig kompensieren und die Symptome bleiben häufig bestehen.

Wir bevorzugen als primären Ansatz eine Sympathikolyse, d.h. eine Verringerung des Adrenalin-Tonus’ im vegetativen Nervensystem. Dieses kann bekanntermaßen mit der chronischen Einnahme eines Beta-Blockers gelingen. Wir verwenden hier auch mit Erfolg Rauwolfia Tropfen. Häufig genügt die vorübergehende Behandlung. Als Maß für den Therapieerfolg nutzen wir die Angabe von Symptomen und den Carotis-Druckversuch, welcher sich unter erfolgreicher Therapie normalisiert.

 

Task Force of the European Society of Cardiology 2018;30:e43-e80

 

Mehr zu: Dr. Stefan Dierkes

 

 

 

 

 

 

Ⓒ Cardiopraxis – Kardiologen in Düsseldorf & Meerbusch