Notfall – Kommunikation für Gehörlose erschwert

In Deutschland sind ca. 13,4 Millionen Menschen über 14 Jahre hörbeeinträchtigt, wovon 1,1 bis 1,2 Millionen an einem kompletten Gehörverlust bzw. an einer hochgradigen Schwerhörigkeit leiden, was einem Anteil von 1,0 bis 1,5% der Gesamtbevölkerung entspricht. Gehörlose verfügen meistens nicht über die Möglichkeit einer klaren Sprechsprache und nutzen Gebärdensprache, was im Notfall gerade den Ruf nach schneller Hilfe erschweren kann.

Gebärdensprache – eine intensive Form der Kommunikation

Die Gebärdensprache zeichnet sich aus der Sicht des Hörenden im Vergleich zur reinen Sprechsprache durch eine höhere Expressivität aus. Um sich untereinander differenziert darstellen zu können, müssen Hörbehinderte deutlich mehr Gestik und Mimik einsetzen. Hinzu kommt der Druck vom Gegenüber gesehen und so verstanden zu werden.  Nach unserer Erfahrung im Familienkreis ist es auch so, dass es ganz normal ist, wenn sich Gehörlose im Gespräch untereinander berühren, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Hörende hingegen gehen davon aus, dass sie auch „gehört“ werden, wenn der Gesprächspartner sich abwendet. In diesem Sinne ist die Gebärdensprache eine intensivere Form der Kommunikation.

Gebärdensprache – emotionaler Ausdruck kann zu Missverständnissen mit Hörenden führen

Die hohe Expressivität der Gebärdensprache kann in der Interaktion mit Hörenden, entweder vom Außenstehenden oder als Beteiligte bei einer Kommunikation, zum Problem werden. Hörende deuten hier die Expressivität der Gebärdensprache als gesteigerte Emotionalität, was zu Missverständnissen zwischen Hörenden und Gehörlosen führen kann. So können sich Hörende z.B. angegriffen fühlen, wenn ein Inhalt eigentlich nur deutlich dargestellt werden soll. Darauf sollten sowohl Hörende als auch Gehörlose achten.

Notfallalarmierung in Gebärdensprache

Im Video sehen Sie die Notfallalarmierung in deutscher Gebärdensprache:

  • „Achtung“
  • „bewusstloser Patient“
  • „Notfall“
  • „schnell reagieren“
  • „prüfen“
  • „rufen“
  • „Wiederbelebung“

Problem – Notfallarmierung durch Gehörlose

Ein besonderes Problem stellt die Notfallalarmierung für Gehörlose dar. Die europaweit gültige Notrufnummer 112 ist nur für Sprachnachrichten vorgesehen. Folgende Möglichkeiten gibt es:

  • Die meisten Notrufzentralen verfügen über ein Notfallfax für Gehörlose, welches für jeden Versorgungsbezirk eine eigene Nummer hat, die in der jeweiligen Leitstelle erfragt werden kann. Dorthin können standardisiert ausgefüllte Faxformulare gesendet werden. Diese Faxformulare sind im Regelfall auf den Internetseiten der jeweiligen Stadt bzw. des jeweiligen Kreises hinterlegt.
  • Die meisten Notrufe von Gehörlosen erfolgen über Dritte, z.B. Nachbarn oder Freunde, die entweder direkt oder über Textnachrichten informiert werden.
  • Es gibt Notruf-Apps, die allerdings nicht unerheblich kostenpflichtig sind und die über einen Drittanbieter zum Kontakt mit der Feuerwehr führen. Hinzu kommt, dass die GPS-Ortung gerade in Gebäuden ungenau sein kann.

Und auch der Ärztliche Notdienst unter 116117 ist zunächst auf die Sprechsprache ausgerichtet. Hier gibt es inzwischen aber auch schon mehr Möglichkeiten der Kontaktaufnahme, z.B. in Nordrhein-Westfalen unter der Faxnummer 0800 58 95 210 oder unter der E-Mail gehoerlos@arztrufzentrale-nrw.de

Noch keine ideale Lösung für Gehörlose

Es gibt noch keine ideale Lösung. Hier sind die Feuerwehr, die Verbände und die Politiker, die seit Jahren an einer Lösung arbeiten, weiter gefordert. Ideal wäre aus unserer Sicht eine Notruf-App, die über eine leistungsstarke GPS-Ortung einen direkten Kontakt zur Feuerwehr herstellt.

Für Hörende und Gehörlose gilt es, im Notfall dieselben Notfallmassnahmen zu ergreifen und aktiv zu werden.

Hörende sollten dafür offen sein und auf die nonverbale Kommunikation einschließlich des emotionalen Ausdrucks achten. Wenn ein gehörloser Mensch Sie bittet ihr oder ihm zu folgen, dann sollten Sie offen und positiv auf Signale reagieren und folgen, es könnte ein Menschenleben retten.

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